Tee-Sinne

Regen

Nördlich von Tokyo im Express-Zug nach Nikko informiere ich mich zuerst über unsere überwiegend akademische Reisegruppe, dann lese ich über die Reinigung der 5 Sinne durch die Tee-Zeremonie:

1. Sehen (Ikebana, Kakemono)

2. Geruch (Räucherstäbchen)

3. Gehör (Sieden des Wassers, Tropfen, Bambusröhre im Wasserlauf)

4. Geschmack (Green Tea)

5. Tastsinn (Drehen der Teeschale)

Die von Zen-Priestern begründete Tee-Zeremonie soll alle Seiten des Zen in sich vereinigen: Ehrfurcht, Harmonie, Reinheit, Stille. Nichts davon in unserer Reisegruppe, die überwiegend aus Lehrern besteht. 6 einzelne Herren, 10 Damen, 4 Ehepaare und ein diplomierter Reiseleiter, die man zusammen eher für eine Bauerntheatertruppe halten könnte. Einer der Nicht-Lehrer doziert, daß es in Tokyo keine Kriminalität gäbe, und der Tourist sicher sei. Darüber freuen wir uns natürlich sehr, aber im TV sehe ich, wie Polizisten einen Hünen in Handschellen abführen, wobei er mit den Händen Zeichen zur Kamera macht. 1976 verhaftet die Tokyoter Polizei monatlich 1700 Yakuzas, die sich als legitime Nachkommen der Samurai betrachten, konfisziert dabei 400 Nihon-to (Krumm-Schwerter) und 50 Pistolen.

Sehen: Einer fällt schon optisch aus dieser Gruppe heraus. Ein Hippie mit abgewetzter Jeansjacke und ebensolchem Koffer aus dem vorigen Jahrhundert – ich. Man stuft mich im Laufe der Reise als arm ein. Einer, der sich diese teure Fahrt vom Munde abgespart hat, weil ich teure (= langweilige) Lokale und das Nachtleben meide. Dabei bin ich nur die letzte Inkarnation von wabi-sabi.

Geruch: nach Zigaretten, aber sonst normal.

Gehör: Um Stille zu erleben, muß ich vor der Gruppe in den Tempeln sein. Dazu beschleunige ich meinen Schritt am Eingang des Geländes oder versuche, an einen anderen Ort der Meditation zu gelangen. Ein japanischer Straßengeier lockvögelt uns mit der Attraktion einer Tee-Zeremonie ins Tokyo Shopping Center im Sanyo Akasaka Building, ganz in der Nähe unseres Hotels. Während wir auf Bänken sitzen, simuliert eine Putzfrau in einer dafür hergerichteten Ecke des Kaufhauses etwas, was man als Hin- und Hergeschiebe von Porzellan auf einem Tatami-Fußboden bezeichnen könnte. Ich versuche trotzdem etwas zu lernen, werde dabei aber durch die laute Unterhaltung von Herrn Dr. Irgendwie mit seiner Gemahlin gestört. Meine Forderung, doch mal den Mund zu halten, wird mit Empörung zurückgewiesen. Aber von allen gehaßt wird eine Realschullehrerin, die dringend einen Mann sucht. Ihr schrilles Organ und ihre Extrovertiertheit gehen allen auf die Nerven – bis auf den jeweiligen Favoriten, der im Laufe unserer 17-tägigen Reise 3x ausgewechselt wird.

Geschmack: Warum sind all diese Leute nach Japan gefahren? Was verbindet sie mit dieser Kultur? Ich konnte nicht erwarten, hier mein Japan zu finden, bin aber angenehm überrascht, wie viel Traditionelles noch recht lebendig vorhanden ist. Aber was suchen meine Mitakademiker, die ich mir genauso auch in Südafrika vorstellen könnte. Bei Frau Prof. Ikebana und ihrer Fan-Truppe ist es klar: Sie suchen Ikebana-Schalen, die es erst neuerdings in jedem deutschen Baumarkt gibt. Dieser kulturell dominante Teil unserer Gruppe hat nur ein Thema – Ikebana. Frau Prof. Ikebana läßt uns sogar an einem Ikebana-Kurs in Kyoto teilnehmen. Mir tun dabei nur die Blumen leid. Wer möchte schon so verbogen und beschnitten werden.

Tastsinn: Am letzten Abend in Japan trifft sich unsere Gruppe zum Abschied in japanischen Nachtgewändern in einem Raum des Hiroshima Station Hotels. Während wir auf den Betten hocken, warnt mich die Ikebana-Fan-Truppe vor der Realschullehrerin. Sie habe sich mit ihrem letzten Favoriten verkracht. Nun bliebe nur noch ich übrig. Da muß sie sich aber beeilen, denn die letzte Nacht ist angebrochen. Voll gespannter Erwartung sehen wir die Lehrerin das Zimmer betreten. Scheinbar zufällig hockt sie sich neben mich auf’s Bett. Während eines allgemeinen Gelächters über zum besten gegebene Erlebnisse ruht plötzlich ihre Hand ein Weilchen auf meinem Oberschenkel. Zu spät! Aber da sieht man mal, wie Ikebana die Sinne schärft.

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Ein Gedanke zu „Tee-Sinne

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