Shisen-do

no mind

Weiter zieht es mich am Rande der Ostberge entlang Richtung Norden, wo ich den 1631 errichteten Shisen-do entdecke. Eingebettet in ein Wäldchen öffnen sich die Räume zum Garten mit weißem Kies und halbkugelig gestutzten Azaleen. Hier wird sein Erbauer, der Dichter Jozan Ishikawa (1583-1672) auf der Matte gesessen und sich über die junge Frau im knallroten Pullover geärgert haben, die schräg hinter ihm unruhig hin und her rutschte und sich dabei laut mit einem älteren Ehepaar unterhielt. Wütend wird er daraufhin in die bereitliegenden Plastiklatschen geschlüpft  und zwischen den Büschen den Weg entlang geschlurft sein. Mir sind sie 1/3 zu kurz, und so pflüge ich mit den Hacken durch den Kies. Warum schneidet im Vergleich deutsche Wohnkultur so schlecht ab? Ist es der gar nicht so starke Klimaunterschied? Oder liegt das Krebsübel der Wohn-Kultur aller Zeiten im Mehr-sein-wollen der Elite und dem Mehr-scheinen-wollen der Masse? Benötigt man satori um mit seinem Lebensstil aus diesem Teufelskreis zu entrinnen? Auf dem Kies ein herabgefallenes Blatt.

„Nun, da wir die ökologisch katastrophalen Folgen unseres Verhaltens vor Augen haben, wüßte man gern, wie wohl der nächste japanische Gartenprototyp aussehen mag. Ich glaube, daß er einem Dschungel ähnlich sein wird, einem künstlichen Dschungel, der uns an unsere Einheit mit der Natur gemahnt.“ (Günter Nitschke)

Ganz offensichtlich ist die äußerste Einfachheit des Nichts, die – wenn man etwa über Preise nichtiger Teeschalen informiert ist – manchmal nur bescheidene Fassade super-reicher Japaner. Aber wenn man wirklich vom Streben nach Reichtum, Status, Macht und Luxus abläßt, um sich des unbelasteten Lebens zu erfreuen – was macht man dann? Wie lebt es sich mit und im Nichts? Die Japaner sind heute selbst oft unsicher, ihren Standort zu finden. Jüngeren gelingt der Zugang zur Tradition schon weniger gut, als westlichen Touristen, und sie sind bereit, westliche Kultur bis ins Absurde zu kopieren. Ich dagegen kopiere diesen Platz auf meine geistige Festplatte. Jedes Jahr will ich wiederkommen und von einem Tempel zum anderen den Weg der Pilger wandern – entlang der Berge, die Kyoto hufeisenförmig umgeben.

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