Die Party

Die seit kurzem eingerichtete Intensivstation des Kreiskrankenhauses war hauptsächlich mit asiatischen Schwestern besetzt worden. Diese wollten auch mal andere Leute als das Personal kennenlernen und gaben deshalb eine Party in einem Apartement im Schwesternwohnheim. Reiner war mit Elsa, eine der deutschen Schwestern liiert, und Elsa mit Aaltje befreundet. Wir sollten beide am Ende ihrer Nachmittagsschicht an der Not-Aufnahme treffen.

Aaltje: Als wir durch den Gang zur Notaufnahme kamen, sah ich schon durch die Glas-Türen neben Reiner einen fremden Mann auf einer der Rollbahren sitzen. ‚Das kann kein Unfall sein‘, dachte ich, ‚dazu sieht er zu munter aus.‘ Aber Besucher saβen normalerweise nicht auf den Tragen und lieβen die Füβe baumeln. Also konnte es sich, da Reiner neben ihm stand, um einen unserer Gäste handeln. Er sah aber komisch aus: hellbraune Wildlederhose, anthrazitfarbenes Tweedjacket, das 20 Jahre alt und vom Floh-Markt zu stammen schien und eine Frisur wie die französische Schlagersängerin Mireille Mathieu. Noch nie hatte ich sowas bei einem Mann gesehen. Aber er guckte fröhlich aus den Augen und grinste uns an. ‚Wieso grinst der denn schon?‘ fragte ich mich. ‚Das muβ ein freundlicher Mensch sein.‘
„Da sind sie ja“, rief Elsa.
„Der eine auch?“
„Das ist Reiners Freund.“
Also kein Unfall. Ich wurde rot.

Sie hatte schulterlanges, blauschwarz glänzendes Haar, eine zierliche Figur und reichte mir gerade bis zur Schulter. Die temperamentvolle Art, wie sie uns anstrahlte, schien von unverstellter Herzlichkeit und Lebenslust, und ich war gleich interessiert. Während wir in einer Reihe nebeneinander zum nahe gelegenen Schwesternwohnheim gingen, linste ich hinter Reiner vorbei, um sie mir noch einmal genauer anzusehen. Und genau das tat sie auch.
Die Party fand im winzigen Apartement von Evelyn statt, eine Schwester aus Singapur, eine gut aussehende chinesische Lady, aber irgendwie tiefgefroren. Für Evelyn war ich nicht fein genug, obwohl mein Jacket bloß ungefähr 10 Jahre alt war. Es sah nur deshalb etwas verbraucht aus, weil ich damit mal in einen See sprang. Meine Frisur war allerdings älter. Sie stammte aus dem 15.Jahrhundert n.Chr..
Wir saβen in gedämpftem Licht auf dem Fuβboden. In der Mitte in dekorativer Pose mit märchenhaft langen, den Rücken herabfallendem Haar Sureen, eine ehemalige philippinische Schönheitskönigin. Auch die anderen, mir Unverständliches plappernden, herumalbernden Schwestern stammten von den Philippinen: die etwas negroid wirkende Flora, mit der ich meinen tragbaren Cassettenrecorder aufstellte und Cora mit dem Pferdegebiβ, die das Essen brachte. Die Minderheit von uns Männern wurde nur noch durch einen philippinischen Geschäftsmann aus Canada verstärkt und den spät am Abend, mit einer Flasche wie ein Baby im Arm, hereintanzenden Leiter der Intensiv-Station. Der kauzige Chefarzt mischte die etwas lahme Stimmung auf, indem er wie ein Irrer tanzte und eine Menge Blödsinn machte. Aus Höflichkeit verständigte ich mich mit Aaltje auf englisch, war aber eher wortkarg wie immer. 

Aaltje:
Nachdem ich mich mit ihm eine Weile unterhalten hatte, nahm Elsa mich beiseite:
„Das geht jetzt los, ne?“
Was geht los?“
„Jetzt geht’s, ne?“
„Ja was denn?“
„Jetzt geht’s langsam. Du muβt nur ein biβchen trinken, dann wirst du lockerer.“
Ich fühlte mich geschubst.
„Aaltje, der ist STUUDIENRAT!!!“
„Was ist das?“ Nach Elsas Gehabe muβte es etwas Besonderes sein.
„Ein Lehrer ist das! Beamter!!“

‚Oh Gott!‘ dachte ich, ‚Beamter, Lehrer! Oh nein! Sowas Langweiliges. Na ja, für einen Partyspaβ wird es vielleicht reichen.‘ Aber ich war abgeschreckt.

Weil wir wenig Getränke hatten, wollte Elsa, daβ ich mit ihm Nachschub aus ihrer Wohnung holen und bei der Gelegenheit auch gleich ihre Katze füttern sollte. Wir fuhren also mit seinem Wagen zu Elsas Wohnung, und ich hoffte, daβ er etwas gesprächiger werden würde. Aber er sagte die ganze Zeit nichts. ‚Er ist eben zurückhaltend‘, dachte ich. Plötzlich auf der Rückfahrt sagte er ganz unerwartet: „Ich möchte dich gerne zum Tee bei mir einladen.“ Ich wurde schon wieder rot, was er aber in der Dunkelheit nicht bemerken konnte. Ich glaubte es erst nicht, aber er beharrte darauf. Inzwischen fand ich ihn schon ganz nett. Als wir ins Schwesternwohnheim zurückkamen, fragte Elsa gleich:
„Na, wie war’s?“
„Ich habe deine Katze gefüttert.“

Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, daβ sie flieβend Deutsch konnte. Allerdings eine besondere Art Deutsch, der ich stundenlang lachend zuhörte. Auβerdem stammte sie gar nicht von den Philippinen. Und ich war der letzte, der erfuhr, daβ ihr nach purer Südsee klingender Nachname, der ihres deutschen Ehemannes war.
Reiner wurde später das Gesicht zertrümmert, als er während einer Fahrt am Steuer seines roten Mercedes einschlief. Elsa bekam vom Wandervögeln einen Waschzwang. Der Chefarzt wurde erst Alkoholiker und brachte sich schlieβlich um. Sureen lieβ sich die Haare kurz schneiden, so daβ ihr übergroβer Kopf sichtbar wurde, der sie zum Kobold machte. Cora lieβ ihr Gebiβ richten und arbeitete nebenbei in einer Hafenbar. Flora wurde von Kind zu Kind immer runder, und Evelyn wartet noch immer auf ihren Prinzen. Buddha dagegen sah, daβ der Palast des Vergnügens in Wirklichkeit ein brennendes Haus war. Deshalb floh er davor und fand Zuflucht in einem stillen Wald.

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3 Gedanken zu „Die Party

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