Es iss nich so einfach

 

 

Immer mit der selben Frau auf engem Raum zusammen zu leben, war für mich anfangs ungewohnt. Auch hatten wir Kommunikationsprobleme. Dadurch, daβ Aaltje so gut deutsch sprach, überschätzte ich oft, wieviel sie wirklich von dem verstand, was ich meinte. Man muβ ja nicht nur die Vokabeln kennen, sondern der Sinn einer fremden Sprache ist von Kultur geprägt, was man ausspricht und worauf man sich bezieht, von Angelesenem und gesellschaftlichen Übereinkünften. Ironie und Sarkasmus, diese Berufskrankheit des enttäuschten Pädagogen, verstand sie grundsätzlich nicht. Und die Kluft zwischen dem Wort und dem, was sie mitteilen wollte, war bei ihr oftmals groβ. Worte führen leicht ins Nichts, zuverlässig war nur die Sprache unserer Körper. Einmal fand ich einen Text von ihr im Papierkorb:

„Ich habe ihn gerufen so: Sir, tea-break! Er hat aber nicht ja und nicht nein gesagt. Also ich rufe nochmal so: Hey Sir, tea-break! – Naja, nichts zu machen. So sitze ich weiter alone. Ich hätte ihn gern bei mir, ja, hier neben mir sitzen sehen.
Nach eine weile kommt er doch und sagt: Mein Kreislauf ist im Eimer. Ich fragte: Wie kommt es? Er sagt: Ich weiβ nicht. Dabei macht er kaputten eindruck. Dann stand er auf, ging zum fenster hin und beobachten wie gräser wachsen. Plötzlich geht er nach drauβen. Leo Stinkfuβ ist auch mitgegangen. Und jetzt sehe ich ihn vor dem Fenster hin und herlaufen. Ich glaube er hat den Tee und Ich schon wieder vergessen denn er arbeitet schon wieder.
Tja, Ich hätte ihn lieber neben mir sitzen sehen.“

Im Grunde war sie die Zivilisiertere von uns beiden. Die japanische Vorstellung vermittels wabi – der feinen Gesellschaft fremd, unabhängig von den Dingen der Welt sein, mit schlichter Einfachheit sabi – Schönheit archaischer Unvollkommenheit zu erreichen, war ihr zuerst fremd, aber sie begann sich zu erinnern, daβ ihre Jugend von derartigen Erscheinungen geprägt worden war. Es bereitete ihr einige Schwierigkeiten, sich in meinem primitiven Haus auf die stärker spürbaren Auswirkungen der Jahreszeiten einzustellen, jedoch fing sie an, das Leben in dieser moderaten Wildnis zu genieβen. Und sie wollte auf keinen Fall nach Indonesien zurück. Da wir beide berufstätig waren – sie wurde nach ihrem unfreiwilligen Ausflug nach Singapur wieder auf der Intensivstation angestellt – sahen wir uns manchmal nur im Vorüberfahren auf der Landstraβe, wenn ich von der Arbeit kam, und sie zu ihren beatmeten Leichen fuhr.

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