Schweinerei

Eines Tages gab es hinten rechts Unruhe. Der Oberstufenkurs hatte die obligate Berlin-Reise absolviert und einige meiner Schüler dabei in einem Museum ein Foto der Aktion Otto Mühls vom Dezember 1969 in Braunschweig gesehen, die in der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste stattfand. Der nackte wiener Aktionist Mühl hatte unter dem Titel „Oh Tannebaum“ in der Aula vor Publikum während eines Gedichtsvortrags 1 Schwein schlachten lassen, die Innereien auf einer nackten Frau verteilt und schließlich noch auf sie gepinkelt und gekackt, während über Lautsprecher Weihnachtslieder abgespielt wurden. Abgebildet war 1 Foto, auf dem mindestens einer meiner Kommilitonen (immerhin noch mit Hose bekleidet), dabei behilflich war, die nackte Frau oder das Schwein zu transportieren. Darunter Namen der Beteiligten – u.a. meiner. Das war gefundenes Fressen für meine Schüler.

Die Hochschule veranstaltete seinerzeit eine Vortrags- und Aktionsreihe mit aktuellen Stars der Kunstszene, und ließ dankenswerterweise nichts Skandalöses aus. So konnten wir Studenten uns aus erster Hand u.a. über Grieshaber, Piene, Beuys und andere informieren. An jenem Abend mit Mühl war ich tatsächlich anwesend und stand mit meiner Freundin (wir hatten beide Weihnachtsmann-Masken auf) beobachtend an der Aulawand, weit am Rande des Geschehens.

Ich habe niemanden getroffen, dem das Dargebotene gefallen oder der es verstanden hat. Angeblich wollte Mühl gerade das anklagen, was er selber so drastisch praktizierte. Aber die Freiheit der Kunst, solches aufführen zu können, war uns sehr wichtig. Schließlich nahmen alle freiwillig teil, nur das Schwein nicht, welches von einem Metzger fachmännisch geschlachtet wurde. Einen lauthals Protestierenden überschüttete Mühl mit Mehl, was ich für den einzig vergnüglichen optischen Höhepunkt des Abends hielt.

Unklar blieb, wie irre Mühl wirklich war. Das wiederum wußten die 17000 braunschweiger Bürger, die danach für die Einhaltung der Menschenwürde demonstrierten, ganz genau. Der braune Sumpf des ungesunden Volksempfindens quoll aus den guten Stuben. Hetz- und Schmähschriften übertrafen mit ihren sadistischen Phantasien alles, was Mühl bis dahin vorgeführt hatte. Es entstand vorübergehend eine regelrechte Progromstimmung gegen die Kunsthochschule, die bis in den Bundestag schwappte – was mich nicht davon abhielt, im Bus ostentativ ein rosa Marzipanschwein zu verzehren. Ein Spaßvogel hängte Plakate aus mit der Ankündigung einer Schäferhund-Schlachtung in der Bahnhofshalle, was dort tatsächlich zu einer Zusammenrottung ordentlicher Bürger geführt haben soll – inkl. Polizei.

1991 wurde Otto Mühl in Österreich zu 7 Jahren Haft wegen sexuellen Mißbrauchs sowie Vergewaltigung von Kindern und Jugendlichen verurteilt. Somit wurde klar, daß er keine wirkliche intellektuelle Distanz zu dem hatte, was er als angeblich gesellschaftskritische Therapie vorführte, sondern selber ein Psychopath war. „Ich bin kein Kinderschänder. Das ist doch Blödsinn. Das waren alles entwickelte Mädchen.“ (DIE ZEIT, 26. Februar 2004)

Das Geheimnis des Fotos blieb ungelöst. Tatsächlich konnte ich darauf nicht zu sehen sein, was die Schüler bestätigten. Wahrscheinlich hat jemand den abgebildeten Kommilitonen einfach mit meinem Namen versehen.

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2 Gedanken zu „Schweinerei

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