Da erzählt einer eine Geschichte

 Die Geschichte vom Glasmännlein

Nehmen wir mal an, ich säße in einem klitzekleinen Raum und hörte durch das offene Fenster wie die Libellen, die draußen in der Abendluft hin und herschwirren, sich Geschichten erzählen. Eine davon habe ich behalten – obwohl Libellen sehr schnell sprechen – weil sie die Geschichte mehrmals erzählten.

Das Haus, von dem sie redeten, muß auf ihrem Weg gelegen haben. Ein eigentlich kleines Haus soll es gewesen sein, mit Garten und einigen Bäumen, etwas Weideland an einem Fluß, in dem man vor dem Schlafengehen sehen konnte, wie sich die Strahlen der Sonne spiegelten. Denn eitel ist sie, und sogar grausam kann sie sein. Auf der Wiese grasten Ziegen mit Bärten, und auch Hühner und Gänse sah man dort durchs Gras laufen. Hier wohnten ein Mann und eine Frau, die viel lachten, wenn der Tag lang war, die auch gern lange schliefen, wenn sie nicht im Garten arbeiten oder das Haus in Ordnung halten mußten.
Eines Tages sagte der Mann – es war gerade in dem Moment als die dicke Fliege in die tönerne Vase fiel:
„Ich will fortgehen und Holz schlagen.“
„Jooh“, antwortete die Frau, „tuh das, lieber Mann.“
Draußen nun unter den Bäumen hackte und sägte er drauflos, denn er wollte Bretter haben für ein Frühbeet und für den Komposthaufen.
Plötzlich hörte er hinter sich eine dünne Stimme wispern. Er drehte sich rasch um und bemerkte kurz über sich das Glasmännlein in den Tannen sitzen.

„Nun, du mußt wissen“, sagte die Libelle zu ihrer Begleiterin, „das Glasmännlein sieht aus wie ein gewöhnliches Eichhörnchen. Nur die, die das Lachen in den Augen haben, können ein gewöhnliches Eichhörnchen von dem Glasmännlein unterscheiden.“

Der Mann aber erkannte es sofort, denn genau so hatte er es sich immer vorgestellt. Nun, kurz und knapp, das rote Männlein sagte zu ihm:
„Vergiß es nicht!“ Nichts weiter, nur: „Vergiß es nicht!“ Und es wiederholte diesen Satz noch einigemale.
Andere Leute hätten sicher gedacht, das Eichhörnchen schnattert nur und quiekt, während es von der Birke zur Eiche springt, denn dies ist ein weiter Sprung und nicht leicht für so ein kleines Tier. Aber es war ja das Glasmännlein, das manche fürchten, und nach dem manche ewig suchen, und es sagte nur: „Vergiß nicht!“
Was sollte der Mann damit anfangen? Er kratzte sich nachdenklich am Kopf, und wie er wieder fragend zu dem Glasmännlein blickte, war es verschwunden.
Nun legte der Mann die Axt nieder und lief eilig nach Hause, um diesen Vorfall seiner Frau zu erzählen. Aber auch sie verstand nicht, was das Glasmännlein gemeint hatte.

Am nächsten Tag arbeitete der Mann wieder im Wald, denn die Bretter waren noch nicht fertig. Wie er gerade die Axt hob um einen jungen Baum zu fällen, hatte er das Gefühl, alle Pflanzen des Waldes sähen ihn an und flüsterten: „Vergiß es nicht!“
„Was, zum Teufel“, rief der Mann ärgerlich, „haben sich meine Gedanken verwirrt?“
Er setzte sich auf einen Stein und dachte angestrengt nach. Er warf Erde in die Luft, machte ein Feuer und saß daran bis tief in die Nacht hinein. Die Fledermäuse tanzten ihren Mitternachtswalzer um seinen Kopf herum, und irgendwann in der tiefen Nacht sprang er plötzlich auf, ein Leuchten war in seinen Augen. Er warf die Decke zurück, in die er sich eingehüllt hatte und rannte zurück zu seinem Haus.

Doch wie groß war mein Erstaunen, als ich die eine Libelle zu der anderen sagen hörte:
„Und nun stell dir vor, er traf sein Haus nicht mehr in dem gleichen Zustand an, wie er es verlassen hatte. Es schien, als seien Jahrzehnte vergangen. Moos wucherte auf dem Dach, Schlinggewächse versperrten den Eingang, und keine Spur war von seiner Frau zu sehen.
Da weinte er bitterlich, und es fielen ihm wieder die Worte des Glasmännleins ein, und er erkannte, was es ihm hatte sagen wollen.“

So erfuhr ich es von den Libellen, und ich beobachtete sie noch eine ganze Weile, wie sie mit großen Augen über diese Geschichte sprachen.

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Ein Gedanke zu „Da erzählt einer eine Geschichte

  1. Pingback: Der rote Stein | Memoiren eines Waldschrats

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