Schwierigkeiten beim Aktzeichnen

 

Welche Funktion das Aktzeichnen nach Erfindung der Photographie an den Akademien überhaupt noch haben kann, ist mir schon ein grundsätzliches Rätsel. Schließlich ist das Abzeichnen einer verchromten Espresso-Maschine von 1955 mindestens genauso schwer wie eines irgendwie hingefläzten nackten Körpers. Außerdem wird die Pornographie-Funktion, die dieses Sujet in der Vergangenheit inne hatte, inzwischen überreichlich und viel geiler durch die neuen Medien erfüllt. Letztlich bleibt nur noch übrig, das Thema wie Modigliani zu abstrahieren, wofür man aber kein lebendes Modell mehr braucht, weil die Ergebnisse weitgehend austauschbar sind.
Da man jedoch gegenüber den Kunststudenten den Eindruck erwecken muß, man habe ein Konzept, hält man an solch klassischen Ausbildungformen fest. Wobei es für den jungen Kunst-Azubi durchaus erhebliche Hürden zu nehmen gilt, man denke nur an die Schwierigkeiten, Schamhaar richtich wiederzugeben. Ist es buschig wild Marke „Rübezahl“, fein verzopft und gekräuselt oder womöglich ganich vorhanden, wie auf etlichen Gemälden des 19.Jahrhunderts, obwohl es damals noch gar keine türkischen Gastarbeiter gab.
Auch ein männliches Glied zu zeichnen, welches sich ja nicht statisch sondern den Umständen entsprechend verhält, kann mit seinem Auf und Ab eine echte Herausforderung für den Lernenden darstellen. Und so ist es zu erklären, daß einst mitten in die angespannte Stille der zeichnenden Gruppe Ulrich plötzlich kommentierte, er wisse gar nicht, was er zeichnen solle: „Eben war er noch da, und jetzt isser weg!“

Ich selbst pflegte mir immer besonders ordinäre Perspektiven auszuwählen, denn man will ja rechtzeitig aus der Menge der mittelmäßig inspirierten Kunstproduzenten herausragen. U.a. hatten wir ein männliches Aktmodell mittleren Alters zur Verfügung, mit einem dekorativen Fettbauch, der es zu einem gewissen historischen Höhepunkt, zumindest in der Geschicht jener Kunsthochschule brachte, wobei er tatsächlich einer tropfenden Espresso-Maschine auf verblüffende Weise zu ähneln begann. Er hatte eine stehende Position eingenommen, die Hände in die Seiten gestützt. Nach einiger Zeit und den bereits erwähnten statischen Veränderungen begann sich an der Spitze seines Penis ein kleiner Tropfen zu bilden, der zuerst nur dadurch auffiel, daß er glitzerte. Fasziniert und zunehmend atemloser beobachteten wir, wie dieser Tropfen nicht fiel sondern sich zäh in die Länge zog, bis er sich langsam aber beständig zu einem Faden streckte, der schließlich den Boden erreichte. Worauf Duli – ich glaube, es war Duli – in die peinliche Stille der zeichnenden Studenten und –tinnen bemerkte: „Sehr eichelartich!“ Wie sollte man danach eine frei von unterdrücktem Lachen verzitterte Linie zeichnen können!

Ich war seinerzeit noch so grün, daß man damit eine Wiese hätte malen können. Doch kurz nach dieser Erfahrung begann ich mich in die wüstesten Ausschweifungen zu stürzen, bei denen mir eine ältere Dame behilflich war. Wenn man also heutzutage erwägen muß, ob man junge Menschen den Gefahren des Aktzeichnens aussetzen darf, sollte man sich dabei bewußt sein, in welch verstörend moralischen Konflikt man den noch ungefestigten Studenten bringen kann.

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