Bürgerliche Rituale

Mein Verständnis von der Arbeit als Lehrer wich stellenweise erheblich von dem meiner Kollegen ab: Ich wollte meine Arbeit so gut wie möglich tun, sah aber deswegen keine Veranlassung zu privatem Kontakt mit Menschen, mit denen mich nur zufällig der gleiche Arbeitsplatz verband, die jedoch überwiegend eine ganz andere Geschichte und Lebens-Stil hatten. Jene aber wollten mich „integrieren“, was bedeutete: Ich sollte mich in ihre männlichen Ritualen einfügen.

Leider blieb nicht geheim, daß ich standesamtlich ohne Feier heiraten wollte. Ein Adliger und ausgeprägter Platzhirsch, mit dem ich mich viel später immer besser verstand, lud sich und sein Gefolge – gegen meinen erklärten Willen – zum „Polterabend“ ein, d.h. er bestimmte, daß es einen geben würde: „WIR KOMMEN!“ – was wie eine Drohung klang. Daraufhin fuhren wir an jenem Abend zu Freunden. Vorher pinnte ich noch folgendes Pamphlet an unser Tennentor:

Hiermit verkünde ich:

– daß ich kein öffentliches Eigentum bin,

– daß mir eure bürgerlichen Rituale auf die Nerven gehen,

– daß mich eure besoffene Fröhlichkeit und impotenten Witze langweilen,

– daß ich auf eure aufdringlichen Freundlichkeiten verzichte,

– daß, bevor ich euch kennenlernte, dieser Hof ein ruhiger, friedlicher Ort war. So soll es bleiben!

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