Hunger nach Wahnsinn

„Wer nicht einsam sein kann, kann nicht zu zweit sein. Und schon gar nicht zu dritt, zu viert … Wer allein unruhig und traurig ist, will den anderen benützen, um ihm seinen Kummer anzuhängen … Mein System begann zu strahlen und zu leuchten. Von geheimnisvollem Glanz waren meine Tage manchmal, so als hätte ich einen märchen-haften Pfad betreten, den niemand geht und der irgendwo nirgendwo ein ungewisses, aber mich sehr reizendes Ziel hat … Ich sitze an einem ganz neuen Platz, am Gang unter einem geöffneten Fenster. Es ist so still. Ich habe hier schon so viele stille Tage verbracht. Hier geschieht nur das Nötigste. Glücklich, wer seine Not kennt und ihr abhelfen kann. Wenn man hungrig ist, soll man essen. Wenn man einen schweren Körper hat, soll man in der Luft spazierengehen oder in die Luft gehen, wenn man ein faulendes Gehirn hat. Wenn ich einen Druck im Bauch habe, soll ich ihn entleeren, wenn ich Durst habe, darf ich trinken. Spüre ich ein sich Dehnen und Kribbeln in Unterleib, darf ich ficken mit einem anderen, oder onanieren. Spüre ich ein Kribbeln und Sich-Sehnen im Gehirn, so darf ich denken und Hefte vollschreiben. Wird mir die Zeit lang, so schaue ich in mein weites Hirn oder beim Fenster hinaus … Im tiefen Gedankenmeer des Ursprungs sind keine Fragen.“

Maria Erlenberger „Der Hunger nach Wahnsinn“, 1977

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Ein Gedanke zu „Hunger nach Wahnsinn

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