Plötzliches Bewußtsein

Das nackte Entsetzen, welches mich jedesmal erschütterte, weil ich ohne genügende Aufmerksamkeit in eine gefährliche Situation geriet, hat mich dazu gebracht mit möglichst großer Wachheit zu handeln – zumindest als ständig zu erneuernder Vorsatz. Ich habe Autounfälle gezeichnet, mein Vater sie verwirklicht. Sein schlimmster geschah in Schweden – 1 Monat vor seiner Pensionierung. Er (65) schlief während der Fahrt ein und kollidierte frontal mit einem entgegenkommenden Wagen. Selbst nicht schwer verletzt, zertrümmerte er den anderen PKW auf der Fahrerseite und tötete den Mann (32) am Steuer.

Lieber Vater!
Etwa zu der Zeit als Du diesen Unfall hattest, sagte ich zu unseren Gästen, Familie Holz (Mutters Hofgoldschmied) aus Hannover: „Mein Vater stirbt mal am Steuer!“ Dies ist meine feste Überzeugung, nicht nur weil es auf der Autobahn gefährlich ist (ich war ja mal in einen Auffahrunfall verwickelt), sondern weil Deine Fahrweise haarsträubend ist. Das schreibe ich nicht, um Dich zusätzlich zu ärgern, sondern weil wir Dich noch eine Weile erleben wollen.

(Über diese, nach Schweden geschickte Bemerkung erboste sich mein Vater, weil sie ihm zusätzliche Schwierigkeiten mit den Behörden bereitet hätte, wenn jene offenbar geworden wäre. Davon abgesehn wollte er nicht akzeptieren, daß es ein grundsätzliches Problem gab.)

Lieber Vater!
Entschuldige, wenn ich diese Äußerungen unbedacht sandte. Was ich eigentlich sagen wollte, ist dies: Von Deinen Schwächeanfälle weiß jeder, der Dich etwas intensiver kennt. Es ist so ein langsames Abnippeln beim Kaffeetisch, vor dem Fernseher oder bei anderen Gelegenheiten. Nicht erst in letzter Zeit. Ich kenne das, Mutter kennt das, und Aaltje hat es auch schon mehrfach erlebt, wenn Du nach längerer Odyssee bei uns gelandet bist. Deshalb besteht Grund zur Sorge. Zumal Dir das gar nicht so recht bewußt ist. Auch damals beim Autofahren haben Mutter und ich das bei Dir erlebt. Beängstigend! Also slow down, mister! Wir wollen uns noch eine Weile an Dir erfreuen. Was soll das denn heißen: Du hättest leider mit Deinen Verletzungen Glück gehabt? Ich glaube, wir müssen Dich etwas aufmuntern. Das werden wir am Freitag tun, da hat Aaltje keinen Dienst. Dann kommen wir vormittags und sehen uns Deine Blessuren an.

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Ein Gedanke zu „Plötzliches Bewußtsein

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