Nervenzusammenbruch (1981)

Lieber Vater!

Nun, was das Malen betrifft, so eröffnen sich ganz neue Perspektiven, wie Du aus diesem Brief entnehmen wirst:

Gestern hatte ich vormittags 6 Std. Unterricht absolviert, was schon ziemlich hart ist. Danach, nachmittags noch fast 4 Std. „Schlichtungskonferenz“ (schon wieder) mit der Fachgruppe Kunst und dem Direktor. Ich hatte einiges, was angefallen war, schriftlich vorgelegt, und der seit 7 Jahren vom 1.Tag andauernde Krieg mit meinem Fachleiter hatte einen erneuten Höhepunkt erreicht. Es ist unmöglich, alles das wiederzugeben, was gesagt wurde, aber das Ergebnis war, daß durch das gestörte Verhältnis zum „Übervater“ Fachleiter und einen gewissen Verfolgungswahn meinerseits, der eigentlich geisteskranke Störenfried deutlich in mir lokalisiert wurde. Ich bin wirklich voll aufgelaufen und gedemütigt worden, obwohl der Direktor, wie er immer wieder beteuert hat, dies auf keinen Fall wollte. Die positive Entwicklung, die ich in den letzten Jahren durchgemacht hätte (zuerst habe er einige Bedenken gehabt), wäre doch lobend anzumerken. Wie schön! Nur bin ich der Ansicht, daß mich diese Situation seelisch verkrüppelt hat, und ich sehe überhaupt keine Zukunftsperspektive mehr an dieser Schule. Das Sonderbare daran ist, daß außerhalb jener Fachgruppe mehr oder weniger alle und auch viele Eltern wissen, wo der Egozentriker tatsächlich sitzt. „Wie halten Sie das eigentlich aus?“ fragte mich mal eine Mutter beim Elternsprechtag. Tja, eben nicht.

Kurz und knapp: Auf der Rückfahrt war ich so fertig, daß ich einem Nerven-Zusammenbruch nahe war. Mein Herz galoppiert seitdem. Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen. Heute Morgen habe ich mich telefonisch abgemeldet. Mit der deutlichen Begründung, daß ich psychisch nicht mehr weiterkann. Ich habe dem Direktor mitteilen lassen, daß ich eine Radikallösung anstrebe, d.h. das Feld zu räumen.

Die bessere Lösung als eine andere Schule ist Arbeitslosengeld ab Sommer. Aaltje ist durchaus gern bereit wieder im Krankenhaus zu arbeiten. Ich denke, daß mein Leben zu schade ist für diese Schweinereien, und auch daß ich in diesem Gesellschafts-System nicht der Richtige für die Rolle des Lehrers bin. Das alles zu einer Zeit, wo die Arbeit gut lief, auch das Verhältnis zu den Schülern. Ich hatte starke Energie wieder Kunst zu produzieren und habe mir vor einigen Tagen für 2000DM eine Radierpresse bestellt, mit der ich in die Technik der Radierung einsteigen will. Dies könnte mich nach dem Ausscheiden aus dem Staatsdienst VIELLEICHT ein wenig über Wasser halten, und damit beantwortet sich Deine Frage:
Als Hausmann mit berufstätiger Ehefrau geht es mit der Malerei und der Kunst allgemein bei mir natürlich erst richtig los. Und dafür eigne ich mich wirklich – glaube ich.
Ich weiß, daß Du diese Überlegungen Deines nervlich zerrütteten Sohnes nicht schätzt, aber es gibt noch andere Existenzformen für mich, in denen ich letztlich glücklicher bin. Mach Dir bitte keine Sorgen, die Wand, durch die ich mit dem Kopf wollte, ist noch heil, und ich habe einige Beulen am Kopf (bildlich gesehen), aber der Kopf funktioniert. Nur schlafen kann ich anscheinend vorerst nicht mehr.

Ich lese gerade mal wieder die Briefe van Goghs. Ich denke, ich kriege das besser hin:

„Anstatt also dem Heimweh zu erliegen, habe ich mir gesagt, daß die Heimat überall ist, statt mich in Verzweiflung geraten zu lassen, habe ich die tätige Melancholie erwählt für soweit, wie ich imstande war, mich zu betätigen, oder, mit anderen Worten, ich habe die Melancholie, die hofft, die strebt und die sucht, derjenigen vorgezogen, welche stillstehend verzweifelt. … Nun ist derjenige, welcher von all diesem absorbiert wird, manchmal anstößig, shocking, für die anderen, und ohne es zu wollen, sündigt er mehr oder weniger gegen gewisse Formen, Gebräuche und gesellschaftliche Schicklichkeiten. Dennoch ist es schade, wenn man das übel nimmt. Du weißt z.B., daß ich oft meine Kleidung vernachlässigt habe, ich gebe das zu, und ich gebe zu, daß es shocking ist. Aber Bedrängnis und Elend haben ihren Zweck, und dann sind sie manchmal ein gutes Mittel, sich die Einsamkeit zu verschaffen, die man braucht, um sich in dieses oder jenes Studium, welches einen einnimmt, vertiefen zu können.“ Van Gogh, Borinage 1878/80

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