Unter Hundefressern IX.5

Am Morgen geht es um 4:30Uhr bei 31° wieder weiter. Hermann fährt uns in abnehmender Dunkelheit durch ein erwachendes Jakarta zum Flughafen zurück. Wie viele Menschen schlafen auf den Bürgersteigen, in Hauseingängen, unter Brücken und wälzen sich jetzt aus ihren Lumpen. Eine stumpffarbige Masse von lebenden Toten quält sich in den neuen Tag. Fasziniert sehe ich im Vorbeifahren, wie sich die Verlorenen der Stadt aus dem Abfall schälen, zu neuen, hoffnungslosen Unternehmungen, bis sie sich wieder einen Schlafplatz in Gesellschaft der Ärmsten der Armen suchen, unter den Hochstraβen, über die Luxus-Limousinen brausen, unter riesigen, angestrahlten Werbetafeln für japanische Unterhaltungs-Elektronik oder amerikanische Zigaretten, unter einem Markttisch, einem Pappkarton, hinter einem an die Wand gelehnten, rostigen Stück Wellblech.

An einer Ampel muβ Hermann warten. Zwei kleine Kinder nähern sich den Scheiben des Kleinbusses mit ausgestreckten Armen, bettelnden Händen. Der Vater hockt scheinbar unbeteiligt, mit dem Kopf auf den Armen schlafend, auf dem Bordstein. Niemals vorher bin ich in solch eine Rolle gedrängt worden. Sicher und satt hinter abgrenzendem Glas, Voyeur des Elends. Drauβen Menschen, die nichts haben als ihr Leben, abgetragene Kleider auf dem Leib und die Hitze, die dieses Straβen-Leben zuläβt. Ich bin hier nicht als Tourist, ich will keiner sein, habe nicht das Bedürfnis, aus innerer Leere oder Neugier in der Welt herumzufahren, bin nur auf der Durchreise zu meinen Verwandten – ein landesüblicher Grund für Mobilität. Aber für diese Wesen da vor meiner Sicherheits-Scheibe bin ich der Reiche aus dem Westen. Ich möchte stundenlang im Morgengrauen durch den erwachenden Organismus dieser Stadt fahren und filmen, aber ich werde nie wieder hier herkommen, wenn ich nicht muβ.

Jahre später hatte ich mich an solche Konfrontationen schon gewöhnt. In Medan sah ich mir im Vorbeifahren mit Interesse die an den grauwässrigen Kloakenkanälen entlang gebaute Müllarchitektur an. Mit welchem Einfallsreichtum hatte man hier aus Resten Unterkünfte zusammengepuzzelt. Sie waren in all ihrem dekonstruktivistischen Elend ästhetischer und menschlicher in den Maβverhältnissen als die modern-sterile Architektur der Oberschicht. Für den Film „City of Joy“ baute man in Kalkutta eine ganze Slum-Siedlung nach. In perfekter Verkommenheit von einem Production-Designer mit anheimelnden Zeichnungen und Modellen entworfen. Dem fertigen Set mit seinen künstlich gealterten Farben, abbröckelndem Putz, zerschlissenen Vorhängen und eingefärbtem „Dreckwasser“ fehlte nur der Original-Gestank. Ich hatte mir manchmal vorgestellt, mein Haus auf diese Weise zu bauen, getarnt mit dekorativer Armut, um jener unangenehmen, mein Bedürfnis nach Harmonie mit der Umgebung störenden Konfrontation mit dem Elend zu entkommen – und den gelegentlich ausbrechenden Chinesen-Progromen.

Zum Abschied umfaβte Hermann meine Hand mit seinen beiden und führte dann eine an seine Brust.

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