Stilbruch

„Stilisierung“ = nach einem bestimmten Muster darstellen; Vereinfachung und Vereinheitlichung bestimmter Formen auf ein Stilideal hin.

Als ich anfing, mein Haus zu entwerfen, hatte ich nur das große Backhaus zur Verfügung, das den Platzbedarf nicht voll erfüllen konnte. Also sollte ein moderner Teil an Stelle des ursprünglichen Backofens in bewußtem Kontrast angefügt werden. Mein Architekt zeichnete eine klitzekleine Idee, die bei mir sofort zündete. Als ich begann, die Zeichnung maßtäblich auszuarbeiten, zeigte sich, daß die Proportionen aufgrund des Wohnbedarfs immer ungünstiger wirkten. Auf dem Verbindungsstück zwischen historischem Fachwerk und modernem Atelier, das ein Badezimmer enthalten sollte, wollte ich auf keinen Fall ein Flachdach. Deshalb entwickelte ich dafür einen gläsernen Wintergarten, der dort wie ein funkelnder, nachts erleuchteter Diamant sitzen sollte.

Nun gibt es die kommunalen Bauräte, die ebenso wie die Kunstlehrer eine Verbeamtung dem freien, materiell unsicheren Leben vorziehen, und die über Architektur-Entwürfe zu befinden haben. Neben der wichtigen Aufgabe, auf die bauliche Qualität des Antrags zu achten, böte sich die großartige Gelegenheit, per erzieherischer Regulation Stadt und Land ein architektonisch kunstvolles Gesicht zu geben. Wie die Wirklichkeit aussieht, ist bekannt: „Durchstreift man diese oft reichen Einfamilienweiden, so ist man überwältigt von dem Komfort-Greuel, den unsere technischen Mittel hervorzubringen erlauben … Von Sanssouci-Assoziationen über Alpenchalets zu Brecker’scher Versicherungspracht ist alles zu haben: eine Anhäufung von Zufälligkeiten des Gestaltungswillens, … Vom Geist der bürgerlichen Stadt her betrachtet, hat diese Entbindung eine schlimme Wirkung. Es werden, je nachdem, von welchen zufälligen Sympathiegefühlen man bewegt ist, Fragmente aus vorgegebenen, einmal verbindlich gewesenen Formgebungen aufgenommen und der Versuch gemacht, sie als Merkmal der eigenen Identität auszugeben.“ Alexander Mitscherlich (1908-1982), „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“, 1965

Soweit es sich nicht um Folgen von Korruption handelt, gibt es nirgendwo umfassende Vereinheitlichung im Sinne des Wortes Stil, einer Auffassung, die keineswegs alt ist, sondern im Deutschen zuerst von Jacob Burckhardt (1818-1897) definiert wurde. Allerdings hatten die Menschen, die in weitgehend einheitlichen Fachwerk-Städten wohnten, kein Bewußtsein davon, etwa während der Gotik zu leben. Das scheint sich heutzutage zu ändern, denn soziale Gruppen versuchen sich zunehmend zu stilisieren. Stilbegriffe sind meist von der Architektur her gewonnen worden, aber Burckhardts Vorstellung, daß sich Kunst im Ganzen zielstrebig in einer bestimmten Bewegung befinde, ist abwegig, jedoch unausrottbar und ganz praktisch, um Schülern kunst-geschichtliche Orientierung zu verpassen. Am deutlichsten ist dabei immer noch die Stilverwirrung, der einzige Stil, der zunehmend überall in der Welt anzutreffen ist, die aber auch von Kreativität, Freiheit und Lebendigkeit kündet.

Zu meiner Überraschung – ich war damals noch der irrigen Ansicht, in einer weitgehend freiheitlichen Gesellschaft zu leben – mußte ich mit den Sesselfurzern vom Landkreis 1 Std. lang, nicht etwa über statische Mängel meines Entwurfs, sondern über Ästhetik diskutieren. Da war ich zwar auch Fachmann aber machtlos. Der Glas-Bau mußte wegen Stilbruchs weg oder keine Baugenehmigung! Staatliche Verschreibung einer einheitlichen Kulisse des 18. Jahrhunderts für einen Nutzer des 20. – der das auch noch selbst finanzieren sollte. Vergeblich versuchte ich diesen Holzköpfen klarzumachen, daß der Stil der Region das planlose Addieren sei, und mein Entwurf eher positiv herausstach aus diesem allgemeinen, orientierungslosen Baumarkt-Mischmasch.

So bekam ich ein Flachdach, das innerhalb eines Jahres durchfaulte. Da Wintergärten nicht genehmigungspflichtig sind, setzte ich einfach in einer von Wassereinbrüchen bestimmten Notaktion einen oben drauf.

Weil wir während der Aufstellung des großen Backhauses noch ein kleineres gefunden und abgerissen hatten, war die vom Bauamt geforderte Vereinheitlichung weitgehend erreicht. Der Zwischenraum im Obergeschoß bestand jetzt aber aus einer senkrechten und einer schrägen Anschluß-Fläche. Dies ermöglichte keine befriedigende Lösung mehr für ein transparentes Verbindungsstück. Dazu kam, daß die zweidimensionale Entwurfs-Zeichnung zwar paßte, sich aber nicht räumlich verwirklichen ließ.

Normalerweise hält man sich in D nicht in der Luft sondern innen auf. Deshalb finde ich es am wichtigsten, Wohnräume in nichttropischen Gebieten von innen her zu entwickeln. Und der gläserne Stilbruch – versehen mit 2 Hängematten – wurde in den Übergangszeiten ein stark frequentierter Raum.

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7 Gedanken zu „Stilbruch

  1. Hallo tom, erstmal meine Hochachtung, eine enorme Leistung!Ich bin jetzt zwar kein Mann aber ich hatte mich auch schon mal in der Richtung schlau gemacht, ist aber schon ein paar Jahre her. Ob es jetzt noch genauso ist, keine Ahnung? Also, nicht allein, daß man uns vorschreiben will, wie und was wir wo bauen, nein da kommen noch ganz andere Kriterien dazu(von der Abnahme und den damit verbunden Kosten für den Architekten mal abgesehen).

  2. Zunächst überprüft das Bauamt erstmals ob zwingende Vorschriften dem Bauvorhaben entgegenstehen und meistens finde sie welche?! Dann werden sogar noch die (zuk.) Nachbarn vom Bauvorhaben informiert, wenn es da Unstimmigkeiten gibt, kann es bis zur Bauverhandlung kommen. Erst wenn alle Voraussetzungen für einen vorschriftsmäßigen Bau vorliegen erhält man die Baubewilligung.

  3. Diese wiederum erlischt nach Ablauf einer festgesetzten Frist, wenn man bis dahin nicht zu bauen beginnt oder das Haus bis dahin fertiggestellt hat. Notfalls kann man einen Antrag zur Verlängerung stellen. Als ob das noch nicht genug ist, muss man jeweils noch eine Anzeige zu Baubeginn und Bauende schalten und nach Fertigstellung dann schlussendlich noch auf eine Benützungsbewilligung warten.

  4. Also salopp gesagt, ob man denn überhaupt in seinem haus wohnen DARF!!! Man nennt sich dann Bauherr, wobei dem Bauherrn in dem Sinne eigentlich nicht viel Selbstbestimmungsrecht eingeräumt wird. Na und über Geschmack braucht man sich mit den Ämtern nicht zu streiten, es muss halt ins Gesamtbild passen. LG Martina

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