Unter Hundefressern XI.5.

Jakarta-1.10

… Damals, am Ende unserer ersten Reise nach Indonesien, wollte ich bloβ wieder nach Hause. Der Gesundheitszustand unseres Sohnes wurde in Jakarta noch beängstigender. Freunde von Els hatten uns ihr neues Haus auf der roten Erde Javas zur Verfügung gestellt und nicht bemerkt – wie wir auch – daβ noch einige Scheiben in den oberen Lüftungsschlitzen fehlten, durch die Mücken freien Zugang zu unseren Leibern hatten.

In der Nacht gärte die Metropole: Idul Fitri – das Ende der Fastenzeit. Die ganze Nacht über wurde gesungen und wie wahnsinnig auf Ziegenfellen herumgetrommelt, die über leere Ölfässer gespannt waren. Drinnen in unserem Schlafzimmer war auch die Hölle los. Im Kegel der Taschenlampe sah ich Moskitos stellenweise zu dritt aus meiner Haut saugen. Ich fand keinen Schlaf und hatte das Gefühl, gleich durchzudrehen. Noch in der Nacht sprühte ich mich von oben bis unten mit giftigem Anti-Mückenspray ein. Yanto weigerte sich. Am nächsten Morgen sah er aus, als ob er an Pocken erkrankt war. An den Einstichstellen kratzte er solange – auch lindernder Salbe verweigerte er sich – bis sie sich entzündeten und eiterten. Dazu kam schwerer Husten und seine anhaltende Renitenz, vernünftig zu essen. Gegen seinen Husten besaβen wir kein Mittel, und unsere Durchfallmedikamente – auch die wurden für ihn notwendig – waren aufgebraucht.

Die erste Zeitung, die ich in diesem vornehmen javanischen Upper-Class-Viertel aufschlug, zeigte mir unter anderem Werbung für kugelsichere Westen. Die Villen waren mit glasscherben- und stacheldrahtbewehrten, hohen Mauern umgeben. Die Reihenhäuser nicht anders, bloβ kleiner als in Deutschland. Keine Sicht nach vorne, keine nach hinten. Minigärten mit Wasser-Türmen, in der Nähe noch eine Eisenbahnstrecke. Brütende Hitze, die nur im ständigen Ventilatorluftzug zu ertragen ist. 1km weiter die Slums: Hier der offene Kloakengraben, daneben sitzt einer im Sessel vor seiner Eingangstür, drüben kokelt die Müllkippe, auf der Restesammler ihre Säcke füllen. Alles sehr lebendig.

Ich habe Magenschmerzen. Auf unseren Streifzügen durch Jakarta kotzt Yanto seine Malaria-Tabletten vor den Eingang zur nordkoreanischen Botschaft. Ausgerechnet! Wo die doch im semantischen Bereich so empfindlich sind! Für die letzte Nacht wollen wir wenigstens sein T-shirt einsprühen, aber auch das lehnt er ab und schläft mit langen Hosen. Mehrmals kotzt er ins Bett.

Endlich die Rückfahrt! Im Flugzeug finde ich einen Sessel aus japanischer Produktion vor, der noch kleiner ist als der auf dem Hinflug. Mit zunehmender Panik suche ich eine erträgliche Ruheposition. Nicht einmal der Klapptisch scheint über meine Beine zu passen. Nach einigem Herumprobieren stelle ich fest, daβ der Sitz wie angegossen paβt und eine hervorragende Schlafposition abgibt. Na also – die Japaner!
Yanto fängt erst im Flugzeug wieder an, richtig zu essen, bleibt aber hustend, abgemagert, mit Wunden übersät und am Ende seiner Kräfte eine Plage. Beim überstürzten Umsteigen in Osnabrück will er keinen Schritt mehr gehen. Fast erreichen wir den Anschluβzug nicht mehr.

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Ein Gedanke zu „Unter Hundefressern XI.5.

  1. Man, man, da habt ihr ja ganz schön was durchgemacht. Solche Dinge vergisst man ein Leben lang nicht. Die kleinen Sitze der Japaner, grins, ich stelle mit gerade eben vor, wie es wohl aussah, als du dich in den Sitz gezwängt hattest. So, nun bin ich wieder wech…lasse aber Grüße hier…LG Martina

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