Sein schrecklichster Tag

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Unser Sohn Yanto wurde mit 7 eingeschult. Es war sein „schrecklichster Tag“, wie er später dieses Foto betitelte, und seine Schulzeit wurde nicht nur für ihn schrecklich. 1986 war eindeutig das Ende unserer Idylle. Die stellenweise harte („Bleistiftanspitzen gehört zu den Hausaufgaben!“) und gottesfürchtige Klassenlehrerin („Lieber Gott, hilf mir, daß sie auch morgen und übermorgen noch gern zur Schule kommen!“) bemängelte beim ersten Elterntreffen, daß manche Schüler die DIN A4-Mappen, in die sie das Unterrichtsmaterial ordentlich abheften sollten, einfach unter ihren Tischen vergaßen. Unglaublich! Da mußte sich in den letzten 30 Jahren etwas grundlegend gewandelt haben im Blick auf den Schulanfänger. Konsequente Erziehung zum Bürokraten. Das ist in jener Welt nur logisch. Andererseits hatte sich auch eine neuartige Sentimentalität entwickelt, die dem kleinen Frustrierten eine „Kuschelecke“ im Klassenraum bot: „Andreas hat so hübsche dichte blonde Haare, ich kann nicht anders, ich muß schnell einmal mit der Hand hindurchfahren. Und von nun an gehört das zu unserem morgenlichen Ritual: Einmal schnell das Haar zerraufen! Saskia kommt auch gern mal sich ein bißchen ankuscheln … .

14.8.1986
Ein neues Schuljahr beginnt. Ich schaue aus dem Lehrerzimmer hinaus auf den Schulhof, wo eben die ersten Eltern mit unserem ‚Nachwuchs‘ eintrudeln. Diesmal bin ich besonders interessiert, denn ich werde ein erstes Schuljahr übernehmen. Die Namen ‚meiner‘ Kinder kenne ich schon – aber wer verbirgt sich hinter ‚Domingo‘, ‚Yanto‘, ‚Manuel‘, ‚Dennis‘? Viele hübsche und interessante Namen stehen da auf meiner Liste – gleich werden sie in der Aula aufgerufen werden und ein Gesicht bekommen.
Da – es geht los – die ersten Namen fallen, die ersten Kinder kommen nach vorn. Je nach Temperament, zögernd oder forsch mit strammem Schritt nach dem Motto: ‚Dem Mutigen gehört die Schule!‘ Allen aber ist etwas gemeinsam: Wenn ich sie so ein bißchen umfasse, um sie in die Reihe zu stellen, spüre ich, wie das Herzchen bubbert!“

Typisch war für unseren Sohn, der in moderater Wildnis aufwuchs, daß er nicht reagierte, als er aufgerufen wurde. Später hängte er als Patient im Diakonie-Krankenhaus ein Handtuch über’s Wandkreuz. Well done, my son!

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