Schüler-Interview

Junglehrer

Lehrerfortbildung am 27./28.10.1988
Bitte tragen Sie sich noch h e u t e in die aushängende Liste ein.
(Das habe ich nicht getan!)

„Herr Dobat, wollten Sie schon immer Lehrer werden?"
„Also, ich hab schon während meiner Schulzeit angefangen zu malen, und da hab ich das so als Möglichkeit des Berufs gesehen, aber ich wollte auf keinen Fall Lehrer werden! Weil ich mich schon sehr früh für Kunst interessierte, hab ich erstmal studiert – und zwar gleich Kunstpädagogik, weil ich schon ahnte, daß man so mit freier Kunst nichts verdienen kann oder nur sehr schwer. Ich hab eigentlich bis zum letzten Moment gehofft, daß ich drumherumkommen würde. Das ist nicht gelungen – wie man sieht."

„Sind Sie nicht gerne Lehrer?"
„Jein. Manchmal ist es echt spaßig und manchmal auch anregend, aber oft große Nerverei."

„Was wäre denn Ihr Traumberuf?"
„Ich würde gleich in die Südsee gehen und nicht erst noch 10 Jahre warten – gleich ab in die Südsee. Oder am liebsten freier Künstler; nur noch Kunst machen."

„Wo hatten Sie denn schlechte Noten?"
„In Mathe. War eine absolute Katastrophe; bis zum Schluß totaler Versager in Mathe." (Ich hab heute noch Schwierigkeiten mit abstrakten Systemen, die auf nichts Wirkliches bezogen sind. Mein Mathelehrer meinte, ich hätte 1 visuelles Gedächtnis. Ich würde Gleichungen nicht logisch entwickeln sondern optisch nachschreiben. In Geometrie sah das ganz anders aus. Da konnte ich optische Beziehungen herstellen, die für mich anschaulich waren.)

„Sind Sie einmal sitzengeblieben?"
„Nein, ich bin einmal 1 Jahr zurückgegangen, weil ich mit 5 eingeschult wurde, und irgendwann ging das dann nicht mehr. So in 7 kam der Breakdown, und dann bin ich freiwillig zurückgegangen. Und nachher, so etwa in Klasse 10, da war ich recht gut und leistungsorientiert. Dann ging’s mit den Mädchen los und abwärts."

„Waren Sie mal in eine Ihrer Lehrerinnen verliebt?"
„Doch, ja. Da war eine ganz attraktive Biolehrerin, das weiß ich noch, die wir sehr umschwärmt haben."

„Welche Lehrer haben Sie denn nicht gemocht?"
„Wechselnde Mathelehrer und alle, die schlugen. Man kann auch aus heutiger Sicht sagen, das waren seelische Krüppel, die da rumliefen – manche noch mit Kriegsschäden."

„Wie war denn das Lehrer/Schüler-Verhältnis früher?"
„Bei mir war es wirklich so, wenn ich es wagte, mir einen Bart stehen zu lassen, mein Mathelehrer mich so freundschaftlich in den Arm nahm – der war mindestens einen Kopf kleiner als ich – und sagte: ‚Thomas, du willst doch dein Abitur machen … .’"

„Wie bestrafen Sie Ihre Schüler heute?"
„Da gibt es eigentlich kaum noch Möglichkeiten, schon gar nicht über Zensuren. Ich habe nie einen Schüler geschlagen. Nicht nur, weil es verboten ist, sondern weil ich es für falsch halte."

„Was hatten Ihre Lehrer für Spitznamen?"
„Einer wurde Wertemeier genannt, weil der uns ein bestimmtes Wertesystem beibringen wollte, was aber nur in seiner Vorstellung vorhanden war. Da haben wir alle heftig opponiert … der hieß gar nicht Meier."

„Und wurden Ihnen schon Streiche gespielt?"
„Ich habe zum Beispiel erlebt, als ich mal meinen Schlüssel in der Tür stecken ließ, daß der einfach von außen umgedreht wurde, und ich in einem kleinen Nebenraum eingeschlossen war. Seitdem weiß ich, daß man hier niemandem trauen kann."

(Und dann war der Lehrer fort.)

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