Allgemeinbildung

Goya

Was ist „Allgemeinbildung”? Was sollte ein Mensch alles wissen und können? Sollte er anhand des Gemäldes sofort den Maler oder doch zumindest den Entstehungs-Zeitraum identifizieren können? Spätestens im Ausland merkt man, was man alles nicht gelernt hat, dort aber gut gebrauchen würde. Mit zunehmender Verkomplizierung der Welt wird enzyklopädisches Wissen unmöglich und hauptsächlich für Kreuzwort-Rätsel benötigt. Die Reform der gymnasialen Oberstufe (1972) ging vom interessierten Schüler aus, dessen Leistung und Engagement man durch mehr Wahlmöglichkeiten steigern könne. Nur, wie entscheidet sich einer, der das noch gar nicht kennt, aus dem er wählen soll? Und so wählen sie nach leichten (Kunst, Religion, Sport) und schweren Fächern (Mathematik, Physik, Chemie), zwischen angenehmen und Ekel-Lehrern und entsprechend aktuellen Moden (Musicals). Mit Wirklichkeitserschlieβung hat das nichts zu tun. Kann man lernen, in historischen Zusammenhängen nachzudenken, etwa über die deutsche Tragödie, ohne etwas über Napoleon zu wissen? Läβt sich Bildung stückweise erfahren und nach Bedarf ergänzen? Dazu sollte man zumindest gelernt haben, daβ Bilder nicht immer das zeigen, was geschah, daβ Nachrichten aus propangandistischen Gründen unterdrückt werden, auch wenn die Aussage des Gemäldes von Francisco de Goya (1746-1828) auf den ersten Blick klar erscheint. Bilder von Erschieβungen sind meistens deutlich – besonders das Ergebnis: 1808 besetzt Napoleon Spanien und macht dort seinen Bruder Josef zum König. Das Volk rebelliert und führt einen leidenschaftlichen Guerilla-Krieg gegen die Fremden, oft angeführt durch fanatische Mönche. Alle Besatzungs-Armeen der Welt töteten rebellierende Nicht-Kombatanten. Die organisierte Macht hier ohne Gesicht als funktionierende Todes-Maschinerie, ihr gegenüber das Volk von elementaren Emotionen bewegt im Zustand der Anarchie. Herausgehoben der junge Mann im weiβen Hemd in der Haltung des Gekreuzigten. Seine Hände zeigen sogar Nagel-Wunden. Trotz des Gebets des Mönchs erscheint die Situation hoffnungslos.
Die politische Situation war differenzierter. Napoleon räumte nicht nur mit der unfähigen, korrupten Aristokratie auf und beseitigte die Herrschaft des Klerus, des gröβten Grundbesitzers in Spanien, er brachte auch die Idee der Aufklärung mit. Das spanische Volk kämpft hier also aus verletztem National-Stolz um den Erhalt seiner eigenen Unterdrückung. Intellektuelle wie Goya, der Hof-Maler gewesen und es unter Josef Bonaparte wieder wurde, identifizierten sich mit dem Fortschritt, den die Besatzer mitbrachten. Als die Franzosen nach Jahren des Krieges Spanien verlassen müssen, beweist der Opportunist Goya mit diesem Propaganda-Gemälde seine nationale Gesinnung und wird erneut Hof-Maler der verrotteten Monarchie. Da hat einer mit Malerei seinen Kopf gerettet.

Grundmuster der Geschichte wiederholen sich in anderen Kostümen. Auf Tibet übertragen bedeutet das: Die Chinesen erscheinen nicht nur als brutale Unterdrücker sondern bringen auch ein progressives Element in eine in religiöser Finsternis verharrenden Theokratie. Angeführt wird der Widerstand durch den Klerus, der Macht und Besitz verloren hat, und nicht zur Transformation entsprechend den Anforderungen einer modernen Welt in der Lage ist. Das emotional reagierende Volk wählt von 2 Formen der Unterdrückung die gewohnte.

Goya hatte schlieβlich genug von der Repression aller Freiheiten und der Restaurierung finsterster Inquisition in Spanien und wanderte 1824 nach Frankreich aus, wo er in Bordeaux starb.

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Ein Gedanke zu „Allgemeinbildung

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