Der Bruder

Langi

Warum muß das letzte Wort des vorherigen Eintrags mit einem Telegramm so brutal in unsere österliche Idylle eingreifen?
„LANGI PANGEMANAN MENINGGAL 16.3.89 ELSYE TIBA KAUDITAN MAMA PAPA BAIK ADE WATUNAN TONTALETE KAUDITAN"

Langi geht auf einem Pfad im Dschungel, als ihm schwindelig wird. Irgendwas ist da in seinem Kopf los. Er muß sich an den Wegrand setzen. Dort steht er nicht mehr auf, bis ihn dieser Moslem in seine Hütte nimmt.

Langi liegt mit weißem Hemd und schwarzem Anzug in einer mit schwarzem Tuch bespannten Kiste. Seine Frau und seine Kinder tragen weiße Tücher um den Kopf. Auch seine Eltern, die am Kopfende sitzen. Seine Mutter weint verzweifelt und greift nach ihm am Rand der Kiste.
Sie haben ihm Rasierzeug, Zahnpasta, Bürste, Zigaretten und Feuerzeug mit auf den Weg gegeben. Er ist dick aufgequollen.

Warum passieren solche Dinge? Warum er?

Ich erinnere mich, wie er den Kuskus auf der Hand hielt, und dieser mit seinen blanken Augen in die Kamera starrte. Ich erinnere mich an Langis fröhliches Gesicht, dieser Mensch, der immer in Verbindung mit der ihn umgebenden Natur stand. Wie Charles Bronson wirkte er, in sich ruhend, dann ein breites Lachen, manchmal unwillig, aber meist ausgeglichen.
Ich erinnere mich an die wenigen Worte, die ich mit ihm austauschen konnte auf unserer Wanderung nach Bitung. Ich hatte immer gehofft, mich mit ihm einmal richtig unterhalten zu können. Langi war unser zuverlässiger Führer und Begleiter. Ich sehe ihn noch im chinesischen Tempel „Ban Hing Kiong" in Manado zurückhaltend auf einer Bank sitzen. Ich sehe ihn kurz und gezielt mit dem peda zuschlagen. Meist sehe ich ihn lachen oder mit seinen O-Beinen vor mir gehen. Kurz und kräftig gebaut, auf der 2. Reise schon ein starker Bauchansatz.

Tell me why!

Er schien mir als eine Lebensversicherung auf die Zukunft. Er hätte für alles gesorgt, so wie wir ihm geholfen haben (Nach der Erfahrung von mehr als 10 Jahren Indonesien sehe ich das nicht mehr so optimistisch. Wahrscheinlich hätte er uns ausgequetscht wie die anderen Verwandten auch, nur wäre es noch schwieriger gewesen, dem zu widerstehn.). Ich werde ihn nicht vergessen.

Please, tell me why!

Sich wirklich darüber im klaren zu sein, wie plötzlich und unerbittlich sich unsere Lebensumstände verändern können, das muß man erfahren, um nie mehr oberflächlich zu sein. Du wirst jede Minute deines Glücks genießen, weil du weißt, daß du es nicht halten kannst. Der Schutz durch Versicherungen kann dich vor dem totalen Ruin bewahren, aber beständiges Glück läßt sich nicht versichern. Was wird morgen sein?

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Ein Gedanke zu „Der Bruder

  1. Die grosse Herausforderung des Lebens, hat Paul Gauguin einmal gesagt, liegt letztlich darin, die Grenzen in dir selbst zu überwinden und soweit zu gehen, wie du dir niemals hättest träumen lassen.

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