Hungerstreik

Galopp in Berlin

18.4.1989

Lieber Rolf (Heiβler)!

Ich war einer Deiner Spielkameraden in H., und wir sind manchmal zusammen zur Volksschule gegangen. Das wäre noch kein Grund, Dir einen Brief zu schreiben, aber ich habe im „Spiegel“ gelesen, daβ Du viele Briefe empfängst und schreibst, und da dachte ich, die Zeit, die Dir in der Haft sicher verdammt lang wird, könnte ich Dir mit meinem Brief einige Minuten verkürzen.
Ich bin so alt wie Du, und manches ist vielleicht auch ähnlich gelaufen, aber ich bin im politischen Kampf letztlich nicht zu Deinem Ergebnis und Deiner Konsequenz gekommen. Genau genommen bin ich zu überhaupt keinem Ergebnis gekommen und habe mich in eine Art Moor-Einsiedelei zurückgezogen. Dabei bin ich aber als Kunstlehrer an einem Gymnasium immer noch mitten drin in dem ganzen Scheiβ.

Die Medien lasse ich kaum mein Hirn verseuchen, deshalb habe ich Deinen Werdegang auch nur bruchstückweise mitbekommen. Von Deinem Hungerstreik habe ich kurz gelesen und ein Bild von Dir auf einem Transparent gesehen. Ich weiβ also nicht wirklich, was läuft, aber ich würde es bedauern, wenn Du durch den Hungerstreik umkommst.

Wenn es Dir ein klein wenig hilft, Briefe zu lesen von Leuten, die an Dich denken und sich bemühen, Dich zu verstehen, dann laβ von Dir hören.

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