Che iss tot

Che

1.5.1989

Lieber Rolf!

Schön, daβ ich Dich erreichen konnte und Dank für Deinen langen Brief.

Als „Medienabstinenter“ ist es für mich der beste Weg, über die Quellen das Leben zu verstehen. In den Medien liest, hört und sieht man: Euer Leben im Knast ist geradezu luxuriös, „weiβe Folter“, Ihr mogelt beim Hungerstreik, man tut Euch Aufbaumittel ins Selterwasser, usw.. Es ist völlig sinnlos, sich das alles reinzuziehen, weil ich hinterher nur weiβ, daβ einer lügt.

Nachdem ich am Wochenende das Buch von P.-J. Boock „Schwarzes Loch“ gelesen habe, ist mir im Zusamenhang mit Deinem Brief manches verständlicher geworden (Kann/soll ich es Dir schicken? Was sagt der Gedanken-TÜV dazu?). Boock nimmt darin auch zur Frage des Kollektivs Stellung: wie es Euch einerseits am Leben hält, andererseits aber auch neue Lösungen (Einsicht? Umkehr? Kompromiβbereitschaft?) verhindert. Ich meine, daβ eine realistische Lebens-Perspektive für Dich nur noch darin besteht, daβ Du als Individuum deutlich aussteigst aus der Gewaltspirale. Nicht nur Boock ist zu dem Ergebnis gekommen, daβ sich das Kollektiv RAF von der Wirklichkeit abgekoppelt hat. „ignoranz der realität“ wie Du schreibst, das ist genau der Punkt. Dein Exgenosse H.-J. Klein schrieb dazu seinerzeit: „Die Guerilla ist für mich der reine Wahn, deren Aktionen mit Politik und gar mit linker Politik nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Schon lange nicht mehr. Ich bin mal in die Guerilla eingetreten, auch um meine Vorstellungen vom bewaffneten Kampf zu verwirklichen. Um gegen einen Moloch zu kämpfen, aber doch nicht selbst ein Moloch zu werden. Die politischen Inhalte, die die Guerilla in ihren Anfängen noch gehabt hat, sind dahin. Sie haben sich selbst degradiert zu Jet-set-Terroristen, wie das mal einer von der alten Garde aus dem Knast heraus formulierte. Reisen, Planung und die Aktion als Höhepunkt in eine unpoltische Sackgasse sind geblieben. Und ich fühle mich um den Rest des Lebens beschissen, und auch das will man mir jetzt noch nehmen.“

Realität wird wohl immer selektiv wahrgenommen. So würde ich sicher auch auf der Straβe glatt an Dir vorübergehen, aber ich kann mich noch an die vielen Zoo-Tiere erinnern, die Du hattest und mit denen wir spielten. Meine Eltern wohnten nicht weit von Euch und hatten auch zu Deinen Eltern Kontakt. Auch daβ Du mir am Königsee auf den Kopf gedrückt hast, um mir meinen stark wippenden Gang bewuβt zu machen. Als ich Dich dann später auf einem Fahndungs-Plakat mit stark wippendem Gang beschrieben sah, fiel mir das wieder ein. Zu meiner Aufklärung hast Du auch beigetragen, indem Du mir irgendwelche Schweinereien erzählt hast. Du warst eben schon damals etwas unartiger als ich.

Meinen Werdegang will ich hier nicht näher ausbreiten (obwohl das den Kollegen Beamten, der mitliest, sicher interessieren würde). Nur so viel: ich war so eine Art Hippie (um es abzukürzen, will ich mir die Mütze mal kurz aufsetzen) mit Idolen wie Fritz Teufel (so lange er noch lustig war), Jerry Rubin und Che. Aber Fonda/Hopper haben mich doch mehr beeindruckt als Baader/Meinhof. Mann, was sind wir, zuerst von rechten Erziehern und dann von linken Gurus verarscht worden!
Und inzwischen ist es, aus meiner Sicht, ziemlich sinnlos geworden, noch viel verändern zu wollen. Wenn alles verseucht ist, ist natürlich auch mein groβer Garten absurd geworden. Und diese Schweinereien werden noch über mein kurzes Leben hinaus andauern, ohne daβ man sie, selbst mit der Waffe in der Hand, stoppen könnte.
Deshalb werde ich mir die in diesem Jahr wieder sehr schöne Kirschblüte nur noch so lange betrachten, wie mein Sohn noch nicht mit der Schule fertig ist. Danach geht es mit meiner indonesischen Frau ab in den Dschungel Nord Sulawesis. Dort bin ich konkret engagiert und kann den ganzen Tag „dem Volk dienen“, wenn ich mir nicht lieber die briefumschlag-groβen Schmetterlinge angucke.

Während also Guevara mausetot ist, lebt Dietmar Schönherr (der aus dem TV) und macht ohne viel ideologisches Gedöns gute Sachen in Nicaragua. Und das ist der Weg, Rolf! Konkrete Arbeit, langsam 2 Schritt vor, 1 zurück aber voran mit offenen Augen und wachem Geist.
Wir wollen die Welt, und wir wollen sie jetzt!“ (Jim Morrison ist auch tot und der Rest meiner Idole nicht mehr zu gebrauchen), das ist vorüber! Du kannst an der blöden Masse nicht vorbei. Die ist noch nicht mal mit Eurem Hungerstreik beschäftigt (angeblich sind 50% mit Eurem Selbstmord sehr einverstanden), sondern mit den Fragen: wie wird man seinen Winterspeck los, wie spielt BRD gegen Holland, und bei den Schulkindern ist es wichtig, wer den besten Computer hat, und wer die meisten TV-Programme empfängt.
Diejenigen, die die Drogen-Euphorie und die Ideologien der Linken (bald gibt es wahrscheinlich gar keine K-Länder mehr sondern nur noch K-Gruppen) zu ernst genommen haben, bleiben nach und nach als Wracks am Straβenrand der Geschichte liegen. Ich wünsche Dir, daβ es Dir nicht auch so geht. Und was legal möglich ist, damit Du nicht lebendig begraben bleibst, will ich beitragen. Aber Du muβt denen, die Dich amnestieren sollen, schon entgegenkommen. Wann erscheint Dein Buch?

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2 Gedanken zu „Che iss tot

  1. 1.5.1989 Es ist völlig sinnlos, sich das alles reinzuziehen, weil ich hinterher nur weiβ, daβ einer lügt. Ein guter Schlussgedanke bevor es in den eigentlichen Dschungel der Lüge ging !

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