Che lebt

V&S-3.82

6.5.1989

thomas,

du amüsierst. was du als ‚quellen‘ zur rechtfertigung deiner eigenen nicht-position, ‚neutralität‘ anzugeben versuchst und womit du operierst, sagt doch nur etwas über dich und deine situation und dein arrangement, kannst auch sagen, deine resignation und aufgabe aus.

die von dir ignorierte realität: jeden 1. und 15. jeden monats sind us-amerikanische gefangene, rund 500, im solidaritätsstreik mit den südafrikanischen gefangenen und und.
die von dir ignorierte realität: der redebeitrag der palästinensischen genossin vorm knast auf der hamburger demo: „ich bringe euch grüβe aus palästina, das durch die intifada entbrannt ist, grüβe an euren entschiedenen kampf gegen die isolation. euer und unser kampf ist derselbe. er richtet sich gemeinsam gegen die kräfte, die keine menschlichkeit kennen. menschlichkeit, die sich im zusammensein und in kollektivität ausdrückt. ich bringe euch grüβe von den frauen und männern im knast, von den palästinensischen gefangenen, die jeden tag ums überleben kämpfen. besonders die, die in ansar 3 in der negev-wüste gefangen sind. ich versichere euch unserer solidarität mit eurem kampf, so wie ihr unseren kampf unterstützt. unser eiserner wille steht einem feind gegenüber, der sich mit den zionisten verbündet. sie verbünden sich in der aufstandsbekämpfung gegen den Kampf der armen leute. der kampf ist für uns die gewähr, daβ wir und ihr vereinigt sind und uns befreien werden. ja zum hungerstreik. nein zur unterwerfung. ihr werdet siegen, die intifada wird siegen.“
die von dir ignorierte realität: ein brief aus managua an eine unserer genossinnen: „… vor vier wochen haben wir eine pressekonferenz gemacht. es waren da: zwei sandinistische radios, die beiden salvadorensischen radios (radio farabundo marti und radio venceremos), vertreter der salvad. flüchtlinge, kolumbianische genossen, ein hondurensischer genosse von einer hond. presseagentur und ein genosse von ides. zwei tage später stand im el nuevo diario – einer regierungsnahen zeitung – ein groβer artikel drin unter der überschrift: ‚brigade ‚günter sare‘ denunziert folterungen in den gefängnissen in der brd‘. in dem artikel wurde genau über eure haftbedingungen, den streik und die forderungen berichtet. mittlerweile haben wir auch interviews mit einer nica-radiostation und den salvadorenischen radios gemacht. und wir tun alles dafür, daβ noch mehr läuft. die ‚union de residentes columbianos‘, also die kolumbianer die hier leben, haben eine gruβadresse an euch geschickt und einen brief an kohl geschickt. ich denke, demnächst wird das auch die fmln und die westdeutschen residentes machen. wir haben viele gespräche mit nicas und ausländischen genossen über den streik gehabt, z.t. gab es groβes interesse mehr über die hintergründe des streiks – was für gefangene ihr seid, aus welchen organisationen? und überhaupt über die politisch-ökon. soziale situation in der brd zu erfahren. über die situation in westeuropa und der brd ist hier nicht allzuviel bekannt. .. viele companeros haben uns grüβe an euch mitgegeben, wünschen euch viel kraft und erfolg. viele ganz normale leute fragen immer als erstes nach dem streik, wenn ich sie sehe…grüβe auch von den frauen in der cooperative an dich und alle gefangene. auf einer ihrer versammlungen wurde ein spanisches flugblatt unserer brigade zum streik vorgelesen. liebe, kraft, mut und stärke aus nicaragua libre“ das lieβe sich international + national seitenlang fortsetzen.

wie willst du als teil des kollektivs, was nichts mit den von dir konsumierten zerrbildern zu tun hat, als individuum aussteigen, auβer deine politische identität ist gebrochen? da ein klein nie etwas mit der raf zu tun hatte, kann er dazu auch nichts sagen. daβ du mir in solch einer situation einen derartigen müll ins loch kippst, war nach deinem ersten brief nicht zu erwarten.
aber du benennst deine perspektivlosigkeit selbst, es ist ziemlich sinnlos geworden, noch viel verändern zu wollen. so muβ auch die dialektik von che lebt unbegriffen bleiben. schönherr macht nett caritative sachen, die an der gesamtsituation nichts wesentliches verändern. wahrscheinlich wirst du auch regelmäβig für gute sachen und zur beruhigung deines schlechten metropolengewissens regelmäβig irgendeinen scheck abliefern. das ist der weg, man merkt, du warst noch nie in den drei kontinenten bzw. bestenfalls mit geschlossenen oder touristenaugen. halte die massen nicht für so blöd, sie wollen nur gleichermaβen wie du einen sicheren weg aufgezeigt bekommen, um etwas erfolgreich auf eine veränderung, auf ein ziel zu erreichen. doch diese sicherheit hast du nie zu beginn eines kampfes. tomas borges der einzige überlebende aus der sandinistischen gründergeneration. nicht zu kämpfen, würde bedeuten, als wracks am straβenrand der geschichte liegen zu bleiben wie die kleins und boocks, die du so eifrig zitierst.

von uns will niemand amnestiert werden. 75 wurde ich in den demokratischen jemen ausgeflogen und auch nicht amnestiert. ich beabsichtige nicht, zum schriftsteller zu werden.

so wie sich in den letzten tagen herauskristallisierte, setzen sie offensichtlich voll auf die medizinische ‚lösung‘, obwohl es die für ein politisches problem nicht geben kann. typische sozialdemokratische provokation, christa am 2.: „ich bin jetzt in ossendorf und heidi in fröndenberg. das lief gestern mittag in einem. wir konnten in fröndenberg kurz miteinander reden.“ nicht mal für ein paar tage als schmincke da-, zusammengelassen.
mittwoch mittag kamen ärztin/sani wie seit einer woche täglich kurz vorbei und wollten mich unter bezug auf brigitte, sie sei auch ins spital gekommen (was sich gegen 17.50 uhr im radio verifizierte, sie wurde morgens nach stadelheim verlegt), ins spital reden. ich lehnte ab, zumal im falle physischer destabilisierung meine versorgung durch andere gefangene beredet und organisiert war. daβ das akzeptiert werde, glaubte sie nicht, wies aber mehrfach darauf hin, sie könne und wolle mich nicht zwingen, und ging. nachmittags wurde ich dann auf ‚anordnung der anstaltsleitung‘ ins spital zwangsverlegt, aber ich ging mit meinen kalorien sparsam um. alle meine sachen kamen kurz darauf nach. trotzdem stocksauer. ärzte von drauβen sind auch schon angekündigt, habe bereits gesagt, sie werden nicht über die schwelle kommen. ansonsten hält sich zusätzliche überwachung im rahmen, ärztin kommt zweimal täglich jetzt vorbei.
auch gaby (vermutlich zusammen mit angelika) kam gestern auf krankenstation, verlautbarte in den nachrichten.
gestern hörte ich von einem gefangenen, daβ am mittwoch abend genosinn-en vor der tür waren, sprechchöre, leuchtraketen etc.. morgen soll demo hier sein. leider bekomme ich davon nichts mit, vielleicht mit grund meiner zwangsverlegung, weil spital hinter dem knast auf dem knastgelände liegt und sich da drauβen unzugängliches gebiet anschlieβt.

lege dir mal wieder einen aufrechten gang zu und sei nicht so gebrochen und mutlos, unendlich lange schon nicht mehr mit derartigem direkt konfrontiert gewesen.

tschü r.

im-Loch

Advertisements

6 Gedanken zu „Che lebt

  1. Pingback: Sozialamt « Flaschenpost

  2. Pingback: Studio Ular Hitam « Memoiren eines Waldschrats

  3. Pingback: Rache | Flaschenpost

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s