Zusammengefaßt

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Ja, und dann habe ich Dir die Karte geschrieben, denn Telefon hab, brauch und will ich nich. TV genauso. In Telefonzellen geht es mir immer noch so wie Dustin Hoffman in Rain Man, deshalb bin ich notorischer Briefschreiber.

Wie ich geworden bin? In meinem Kopf scheint sich nicht so viel verändert zu haben. Auf die Weltrevolution konnte ich nicht mehr warten, deshalb habe ich versucht, mir mein ganz privates Stück vom Paradies-Kuchen abzuschneiden, und wenn die Bauern ringsum und Tschernobyl nich wären, hätte ich es vielleicht auch geschafft.
Und äußerlich: die Haare sind noch alle da (ganz sicher bin ich mir darüber in letzter Zeit auch nicht mehr). Meinen Winterspeck-Rettungsring werd ich im Frühjahr immer schwieriger los, was ein echtes Problem in meinen Motorrad-Lederhosen ist. Ansonsten vollkommen fix und 40. Schuhe nur noch vom Orthopäden. Im Herbst eine Totaluntersuchung im Kreiskankenhaus wegen verschiedener Gebrechen (Ergebnis: total gesund), und gleich muß ich wieder meine Tabletten nehmen.

Ich hab damals nach dem 2. Staatsexamen die große Stadt und meine Eltern (inzwischen geschieden und jeweils neu verheiratet) schleunigst hinter mir gelassen und bin in die gründliche Einöde gezogen. Ein halbes Jahr lebte ich vom Ersparten in einem fast unbewohnbaren Häuslings-Haus hier im Wald, und es war trotz weitgehender Einsamkeit eine meiner wichtigsten und schönsten Zeiten der Selbstfindung. Die Rehe und die dicken Eichenstämme vor den Fenstern haben mir erzählt, wie es weitergeht.

Da ich mich viel mit Zen-Buddhismus und diesem ganzen Krimskrams beschäftigte, bin ich 75 nach Japan gefahren. Da war ich leider schon im Schuldienst. Im selben Jahr habe ich auf einer Party eine indonesische Krankenschwester aus Nordsulawesi kennengelernt, und obwohl ich derartiges eigentlich schon abgeschrieben hatte und auch ohne feste Beziehung nich untergegangen wäre, war das dann für meinen weiteren Lebensweg der große Knüller. Seitdem lebe ich streng monogam, aber nich monoton, eher stereophon.

Inzwischen bin ich Studienrat (für meine Kollegen eher ein Studienrätsel) und fahre nicht etwa die 11km bis zur Schule mit einem Mercedes Imperator de luxe sondern mit meinem Chopper. Deshalb mußte ich natürlich heute bei der Abiturienten-Entlassungs-Blah-Feier in Kutte auftreten. Außerdem macht es ja auch Spaß, meine vorwiegend spießigen Schüler und Kollegen zu schockieren.

Seit 1 oder 2 Jahren lebe ich völlig clean, obwohl in unserem großen Garten alles soo gut wuchs. Wir haben uns nämlich was Neues ausgedacht und wollen nochmal ganz was anderes anfangen. Das Moor war also nur der 1. Teilausstieg.
Es passierte vor 3 Jahren. Unsere Ernte war verseucht (nahm ich an), und wir waren im Sommer zum 2. Mal in Indonesien gewesen. Ich sagte mir, daß auch ein Teilausstieg (bißchen Eigenversorgung, bißchen bessere Luft, dahinten das Damwildrudel des Nachbarn, drüben auf der Moorweide brüllt der Brachvogel) in dieser Gesellschaft nicht möglich ist. Jedenfalls mit meinen Ansprüchen als engagierter Ego- und Exzentriker.
Also haben wir im Heimatdorf meiner Frau (geradeaus bis zum Äquator, links abbiegen und dann immer geradeaus) ein Naßreisfeld und ein Riesengrundstück auf einem Berg am Fuße eines erloschenen (!) Vulkans (2.000m) gekauft und wollen, wenn Yanto mit der Schule fertig ist (leider noch mind. 9 Jahre) ganz und endgültig und absolut verduften. Damit überlasse ich die Szene hier der Industrie und den Medien. Und amüsiert Euch schön mit Euren zig Kanälen. Ich ziehe das Rauschen von Bambusblättern vor – auch wenn ich dann ganz auf von Dir gesprochene Nachrichten verzichten muß. Ich befinde mich ja nun in einem echten Interessenskonflikt: einerseits könnte ich stundenlang Deiner Stimme lauschen, andererseits kann ich’s nich ertragen.

So ist das mit mir. Und jetzt bist Du dran mit Erzählen. Leider kann ich nicht – wie damals – das Telefon grapschen und stundenlang auf dem Teppich sitzend mit Dir plaudern. Du warst damals am Telefon vom hl. Opa Lilje.

Ich werde jetzt mal meinen Oxidationsteich weiter ausmisten (Hoffentlich riecht der Brief nich!), und dann muß ich auch schleunigst meine Tabletten nehmen. Und 1 Schnapsflaschen-Label für’s Schuljubiläum entwerfen (Soweit bin ich schon abgesunken.).

Wie sagte doch mein Vater neulich, als ich ihm von meinem akustischen Erlebnis erzählte: „War wirklich ein nettes Mädchen!“
Wie wahr!

(Hat nix erzählt, das nette Mädchen.)

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