Letztes Interview

Hof-Podschonen

Zu den groβen Versäumnissen meines Lebens gehört, die Lebensgeschichte meines Vaters nicht aufgeschrieben zu haben. Er hätte es selbst tun sollen. Aber es existiert nicht einmal ein geordnetes Foto-Album. Das mag seinen Grund darin gehabt haben, daβ die Erinnerungen zu schmerzhaft waren. Meine Mutter weigerte sich ausdrücklich, ihre Lebens-Erinnerungen aufzuschreiben. Als kleiner Junge hörte ich mir die Kriegserinnerungen meines Vaters begeistert an. Dabei lag er erzählend auf dem Sofa, und ich saß im MG-Nest, das er mit seinen angewinkelten Beinen formte.
Heute sind die Geschichten, mit denen ich aufwuchs und als Jugendlicher ziemlich satt hatte, nur noch undeutlich in meiner Erinnerung und ebenso wie die Heimat Ostpreuβen für immer verloren. Als sich der Gesundheitszustand meines Vaters immer weiter verschlechterte, kam ich auf die Idee, mit einem Diktier-Gerät aufzunehmen, was er erzählte. Im Laufe von mehreren Treffen wollte ich so zu einer Dokumentation kommen. Als ich ihm dafür am 14.5.1989 zum ersten Mal gegenübersaβ, ahnte ich nicht, daβ es das letzte Mal war, daβ ich ihn lebend sah.

[Während der Zeit des deutschen Ritter-Ordens vom Ende des 13. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts war das Gebiet aus dem mein Vater stammt, ziemlich menschenleer. Im Frieden am Melno-See 1422 kam der deutsche Orden mit Polen-Litauen überein, feste Grenzlinien zu ziehen. Man halbierte die siedlungs- aber nicht menschenleere Wildnis und stellte damit eine der ältesten Grenzlinien Europas fest. Erst nach der Umwandlung des Ordens-Staates in ein weltliches Herzogtum durch Herzog Albrecht im Jahre 1525 kam eine planmäβige Besiedlung in Gang. In der Zeit des herzoglichen Preuβens begann man die Wälder zu roden und in Kulturflächen zu verwandeln. Daran waren beteiligt die Nadrauer als eingesessener Preuβenstamm, litauische „Läuflinge“, die nicht im zentralistischen Polen-Litauen leben wollten, deutsche Einwanderer und später protestantische Flüchtlinge aus Frankreich und Österreich. Im 2. schwedisch-polnischen Krieg kam es in den Jahren 1656/57 zu Tartareneinfällen. Dabei wurde das Land verwüstet, 1100 Bewohner erschlagen und 34000 in die Tartarei verschleppt, wo die meisten als Sklaven verkauft wurden. Nur Vereinzelten gelang es nach langen Jahren, aus der Gefangenschaft nach Ostpreuβen zurückzukehren. Viele endeten ihr Leben als Galeerensklaven. Der Friede von Oliva 1660 brachte die Befreiung von der polnischen Oberhoheit.]

Niederschrift:

„Ich, Hans Dobat, bin am 20.8.1913 in Podszohnen (Buschfelde), Post Pillupönen (Schloβbach), Kreis Stallupönen (Ebenrode) geboren. Früher hieβ es auch noch mal Putkampi oder Ponttskampy, und später ist es dann umgetauft worden in Buschfelde, weil der „gute“ Gauleiter Erich Koch wollte, daβ alles deutsch klingt, wo wir wohnten. Und dann hat er’s geschafft, daβ wir das ganz verloren haben. Und jetzt hörte ich, daβ da in meinem Heimatdorf Mongolen wohnen sollen.
Ich wüβte gerne, wie es da jetzt aussieht. Ich habe es noch in Erinnerung – den groβen Hof – und vor dem Haus da standen 2 riesige Kastanienbäume, die zu Pfingsten immer blühten, und die Dorfstraβe führte direkt vor unserem Haus vorbei. Auf der anderen Seite der Straβe da war ein groβer Garten mit riesigen, alten Bäumen und vielen schönen Obstbäumen. Und ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie gut diese Äpfel und Birnen schmeckten, ganz anders als jetzt das Zeug, was man hier zu kaufen bekommt.

Der Hof, das war ein sogenanntes Kölmisches Gut, 420 Morgen, das sind 105 Hektar [„Zinskölmer“ besaβen ihre Grundstücke zu Kölmischem oder Kulmischem Recht. Nach diesem waren sie Eigentümer des Landes, von dem sie jedoch der Landesherrschaft einen bestimmten Zins zu entrichten hatten. Anders als die Bauern waren die Kölmer dabei von Scharwerks- und anderen Diensten befreit.]. Wir hatten alles, was früher auf einem Hof an Tieren gehalten wurde: Pferde, Kühe, Schweine, Hühner, alles was man so zum Leben brauchte. Pferde, das waren 3 Gespanne, jedes Gespann bestand aus 4 Pferden. Dazu einen Pferdepfleger oder Instmann, wie man sie nannte. Das war so eine Landarbeiter-Familie. Die Landarbeiter bekamen ein Deputat, d.h. viele Naturalien, Getreide, Brennwerk, und sie hatten 1 Kuh, die sie selbst gemolken haben. Die standen auch auf dem Hofe, und für das Vieh, etwa 20 Milchkühe, da gab es einen Schweitzer oder Melker, der die Kühe betreute und gemolken hat. Die Milch wurde selbst auf dem Hofe verarbeitet. Später wurde sie auch zur Molkerei geliefert.
Die Arbeiter, die Instleute, wie man sie nannte, die waren für ein Jahr angestellt, und sie konnten wechseln, oder wenn sie selbst kündigen wollten, oder vom Hofbesitzer gekündigt wurden, dann zogen sie eben auf eine andere Stelle. Sie hatten ihre Wohnungen, die natürlich nicht so schön eingerichtet waren wie das Gutshaus – meist war das nur 1 Stube, wo der Herd noch drin stand und eine Kammer, aber ich erinnere mich noch daran, daβ wir Instleute hatten, die sehr lange auf dem Hofe gelebt haben, also Jahrzehnte lang. Das ist an sich ein Zeichen, daβ sie es bei uns relativ gut hatten. Armut ist ein relativer Begriff. Die Leute, die lebten natürlich nicht so das Leben wie der Gutsherr oder der Bauer, aber sie hatten ja ihre Wohnung, hatten zu essen. Schon allein dadurch, daβ sie eben die Deputate erhielten, also die Naturalien. Sie konnten sich auch Schweine halten und bekamen auβerdem noch Geld. Und die Frau, die ja nicht ständig arbeitete, sondern nur wenn eben Arbeit war, die bekam dann ihren Tagelohn ausgezahlt. Ich erinnere mich daran, daβ sie sich am Sonnabend einfanden im Hause, und daβ sie dann ihren Tagelohn ausgezahlt bekamen. Und mein Bruder Otto, der den Hof 1927 übernahm, als mein Vater gestorben war, der machte sich immer einen Spaβ, wenn ich selbst mal biβchen auf dem Felde gearbeitet hatte und nun auch was haben wollte, daβ er sich dann immer lustig machte und meinte, ach ich brauchte doch gar kein Geld, was mich immer schrecklich geärgert hat. Aber sonst haben wir uns gut vertragen.

Landstrasse-Podszonen

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5 Gedanken zu „Letztes Interview

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  3. Zitat: „Ich wüβte gerne, wie es da jetzt aussieht.“

    Leider gibt es da (in Podzohnen) nicht mehr viel zu sehen außer wildes Grün. Gegen 1970 hat die damalige Sowjetunion sehr viele alte Dörfer dem Erdboden gleichgemacht.

    Folgender Link zeigt die Stelle auf Google Maps heute, wo sich einst Podzohnen befand. Ungefähr bei der Gabelung und umzu befand sich Podzohnen.

    https://www.google.de/maps/place/Nesterow,+Oblast+Kaliningrad,+Russland,+238010/@54.506139,22.5791081,16z/data=!4m5!3m4!1s0x46e14febeb7d42e5:0x193612325d725b8c!8m2!3d54.6305473!

    Gruß, Michael Johne!

  4. Einige meiner Verwandten haben das auch so beschrieben. Sie sind seinerzeit mit dem Taxi von Polen aus in die russische Zone eingeschlichen und haben heimlich auf ihrem ehemaligen Grundstück eine Kiste mit Porzellan ausgegraben, die dort vor der Flucht versteckt worden war. Von den ehemaligen Hofgebäuden waren nur noch die Fundamentschatten im Boden zu erkennen. Ich habe das im Blog erzählt, finde es jedoch jetzt nicht.
    Dem Link werde ich noch folgen. Danke, Michael!
    Ein sehr informatives Buch: „Der Kreis Stallupönen (Ebenrode)“, Dr. phil. Rudolf Grenz, Marburg/Lahn 1970

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