Letztes Interview VII

Kosaken

1914 sind die Russen in Ostpreuβen eingefallen, und wir muβten 2x von unserem Hof flüchten. Ich erinnere mich natürlich nicht mehr daran, da ich gerade knapp 1 Jahr war, aber man erzählte, daβ die Russen einmal die Flüchtlings-Kolonne überholt hätten, und ein russischer Soldat hätte mich auf den Arm genommen. Das muβ wohl so ein gemütlicher russischer Bauer gewesen sein, der wohl auch Kinder hatte, denn ich habe ihm den Bart gezaust, und es ist mir nichts geschehen. Also es gab damals noch durchaus Menschliches. Aber gefürchtet waren die Kosaken, denn die haben viele Häuser angesteckt, und die Leute, die dann später wieder auf ihre zerstörten Höfe kamen, die waren dann wohl sehr traurig. Später haben sie sich gefreut, denn auf diese Weise bekamen sie nachher beim Wiederaufbau neue und gute Höfe. Unser Hof, der wird wohl nicht so zerstört gewesen sein, aber er war trotzdem noch in gutem Zustand.

[Bürgermeister A. Kuhn, Neidenburg 1914:
Einbruch der Kosaken
„… Ein Teil ritt auf dem Bürgersteig und stieβ mit den Lanzen sämtliche Schaufenster ein. … Einem Kosaken wurde der Weg nach der Burgstraβe abgeschnitten. Dieser sprengte über den groβen Markt unmittelbar an mir vorüber, hielt in einiger Entfernung an und gab einen Schuβ auf mich ab, der an meinem rechten Arm vorbeiging. Die Kugel eines zweiten Schusses traf die beiden Pferde des einzigen Bauernfuhrwerks, das zum Wochenmarkt gekommen war, mitten durch den Hals.

Angeschossene Personen
… So wurde dem Dachdeckermeister Obst ein Auge ausgeschossen; die Gärtnerei-Besitzerin, Witwe von Koslowski, die auf dem Markt Gemüse feilbot, erhielt einen Bauchschuβ, an dessen Folgen sie später starb; ein Bäckerlehrling bekam einen Leibschuβ, woran er viele Wochen im Krankenhaus liegen muβte. Der Gerichtsvollzieher a.D. Karl Kühnast erhielt einen Kopfschuβ und versteckte sich sodann im Keller. Hier wurde er am 4. September als Leiche aufgefunden. Etwa ein Dutzend weitere Personen kam mit Streifschüssen davon.

Gemordete junge Leute
Aber bereits vor dem Einrücken in die Stadt hatten diese Kosaken auf der Landstraβe bei Sagsau mehrere Morde verübt. Ein Lehrer aus Neidenburg war mit mehreren Fortbildungsschülern nach dem an der Grenze belegenen Gute Sagsau zur Erntearbeit gegangen. Als ihnen die Ankunft der Kosaken bekannt wurde, liefen einige querfeldein und 4 die Landstraβe nach Neidenburg entlang. Diese wurden von den Kosaken eingeholt und niedergeschossen oder mit dem Kolben niedergeschlagen. Erst vier Wochen später fand man die Leichen der 4 jungen Leute in einer Sandgrube neben der Landstraβe vor. 2 von ihnen hatten starke Verletzungen am Kopfe und an den Händen.

Zwei Personen erschossen
… Auf dem Hofe des Stadtverordneten-Vorstehers Schulz verlangte ein Kosaken-Offizier von dem Hofarbeiter Hafer für seine Pferde. Der Arbeiter verstand ihn nicht und zuckte mit den Schultern. Sofort jagte der Kosak ihm eine tödliche Kugel durch den Kopf.

Verwüstung und Plünderung
… Die verschlossenen Haus- und Stubentüren wurden gewaltsam aufgebrochen. Ebenso wurde es mit den in den Wohnungen vorhandenen Schränken und sonstigen Behältern gemacht. Hausgerät, Spiegel und andere Möbel wurden zertrümmert. Kleider, Wäsche und Betten, Gardinen und Vorhänge wurden, soweit sie von den Soldaten nicht mitgenommen werden konnten oder an die plündernden Polen nicht abgegeben worden waren, zerrissen und mit Kot beschmutzt. In den Materialwaren-Läden wurde der Inhalt der sämtlichen Behälter auf den Boden geschüttet, Petroleum, Sirup und Honig darüber gegossen und das Ganze zertreten. Ich habe Geschäfte gesehen, in denen man bis über die Knöchel in solch einem Brei watete. In den Kellern dieser Kaufleute sah es ebenso aus. Diese Wohnungen, in denen vielfach auf dem Fuβboden sogar die Notdurft verrichtet worden war, boten ein trauriges Bild. … Am schlimmsten haben sich überall die Kosaken benommen … Am Sonntag, den 23. August morgens, sah ich, daβ etwa 15 polnische Frauen und Männer und 10 russische Soldaten groβe Bündel Betten, Wäsche und dergl. mehr aus dem Wohnhause des Schloβgutes Neidenburg trugen, um alles auf die bereitstehenden Wagen zu laden, …“

Kreisschulinspektor Th. Boetiner, Neidenburg:
„… Ich habe es ganz deutlich beobachtet, wie plötzlich Gebäude aufflammten, die weitab von Brandherden standen. Die Leute müssen Handgranaten gehabt oder mit Petroleum und Streichhölzern gearbeitet haben. In der evangelischen Kirche hatte eine Schar von Einwohnern Schutz gesucht. Die Russen nehmen die silbernen Geräte heraus. Kurze Zeit darauf steht die Kirche in Flammen.“]

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Ein Gedanke zu „Letztes Interview VII

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