Letztes Interview XIV

Hans-Dobat-1927

Ich war immer naturbewußt. Vielleicht habe ich das von meinem älteren Halbbruder. Vielleicht hat der mich beeinflußt. Er war ein Städter aus Königsberg, und wenn er in den Ferien zu Besuch kam, dann schwärmte er natürlich für die schöne Landschaft. Ich habe jedenfalls auch sehr früh ein Gefühl und eine Vorliebe für landschaftliche Schönheiten gehabt. Deshalb habe ich auch noch so in Erinnerung, wie schön das Land war. Ich kann auch heute noch sagen, daß mich eine schöne Landschaft begeistert. Ich hätte auch gerne was erlebt, ich meine, ich habe es bedauert, daß ich z.B. nicht die Möglichkeiten hatte, wie meine Schulkameraden in der Stadt. Stallupönen war zwar ne Kleinstadt, vielleicht zwischen 5 und 6000 Einwohnern groß, aber immerhin gab es da ein Kino, Sportplätze, und untereinander konnten sie Kontakt halten und miteinander spielen. Ich hatte diese Möglichkeiten nicht.

Lyceum-Stallupoenen

Frühmorgens fuhr ich zur Schule rein – der Zug ging so kurz nach 7:00, ich kam also um 8:00 rechtzeitig in die Stadt ( die Bahnfahrt dauerte eine halbe Stunde). Mit dem Nachhausekommen, das war dann schon etwas schwieriger, da es nicht immer so gut paßte. Praktisch war ich erst um 14:30 wieder zuhause. Man konnte zwar auch abends oder nachmittags nochmal in die Stadt reinfahren. Aber dann war man schon wieder um 19:00 zuhause. Kinobesuch ging einfach nicht ohne Nachtquartier. Das habe ich sehr vermißt. Aber an sich habe ich mich in der ländlichen Umgebung durchaus wohl gefühlt. Nur ein Problem war, daß meine ganzen Geschwister und die ganze Verwandtschaft Landwirte waren, und ich wußte ja, daß ich keinen Hof erben und nicht Landwirt werden würde. Weshalb ich auf Grund meiner Schulbildung mehr auf geistige Interessen ausgerichtet war. Und das paßte eben nicht zu meinen Geschwistern, die zum Teil nur auf der Dorfschule gewesen waren, bzw. die Mädchen haben noch ein paar Jahre die Stadtschule besucht. Mein Bruder Kurt hat auch wohl das Einjährige gemacht, also die mittlere Reife bis Untersekunda. Mit anderen Worten: Ich war da doch ziemlich auf mich allein angewiesen und habe sehr viel gelesen. Bücher gab’s nicht viel im Haus, aber ich habe mir selbst einige angeschafft, auch aus der Schulbücherei ausgeliehen. Ich war also der einzige, der sozusagen eine gewisse überdurchschnittliche Bildung erwerben konnte und entsprechend interessiert war. Das ergab sich eigentlich mehr so, aber ich war doch so interessiert an den geistigen Dingen, daß ich z.B. den Wunsch hatte, mich hauptsächlich irgendwie mit Literatur zu beschäftigen. Speziell mit der modernen Literatur – was damals modern war, also die Literatur der 20er Jahre – die interessierte mich brennend, und ich überlegte, was ich nun damit beruflich anfangen könnte. Und da ich mir sagte, ich könne ja nicht irgendwie nur Literatur studieren, um dann meinetwegen beim Theater etwas zu werden, muß ich also wohl Lehrer werden, also studieren und dann Deutsch als Hauptfach nehmen. Dann interessierte ich mich auch sehr für Geschichte, wählte auch Geschichte, und mußte noch ein 3. Fach haben, und das war Erdkunde. Das interessierte mich auch noch, aber nur mehr am Rande.

Als ich dann Ostern 1933 Abitur machte, war ja inzwischen die Machtübernahme durch Adolf Hitler gewesen. Am 30. Januar 1933, und dann wurde eine flammende Rede von einem Studenten-Führer in Königsberg gehalten, die wir im Rundfunk hörten, der sagte, wir sollten nicht gleich in die Universität gehen, sondern erstmal in den Arbeitsdienst, der damals noch freiwillig war, um die Arbeiter kennenzulernen. Nach dem Grundsatz: „Arbeiter der Stirn und der Faust vereinigt euch!” Das begeisterte uns auch, und ich bin dann mit einigen Kameraden und auch 2 Mädchen, die auf der Schule waren, in den freiwilligen Arbeitsdienst gegangen. [Für Meliorationsarbeiten setzte das Kreiskulturbauamt bereits im Jahre 1932 den Reichs-Arbeitsdienst (RAD) ein.]

Arbeitsdienst

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