Letztes Interview XVI

Abiturklasse

Als ich gerade so angefangen hatte auf der Oberschule – das war ein Realgymnasium – fand meine Mutter das nicht gut, daß ich ständig Fahrschüler war, und eines Tages zog sie mit mir in die Stadt, mietete ein Zimmer, und ich sollte mit ihr da wohnen und die Schule besuchen. Das wurde insofern eine Katastrophe, weil es dort Flöhe in Massen gab, und ich dagegen sehr empfindlich bin. In der Nacht standen wir dann auf, ich hatte die Petroleum-Lampe zu halten, und meine Mutter hat Flöhe gefangen [lacht]. Sie waren in solchen Unmengen da, daß wir nach 8 Tagen fluchtartig das Quartier verließen und wieder in unser Dorf zogen. Und ich mußte wieder mit dem Zug fahren [lacht].
Und wenn ich mich richtig erinnere: So die 1. richtige Freundin hatte ich die Woche nach dem bestandenem Abitur 1933. Da hatte ich öfter die Gelegenheit in Stallupönen zu bleiben und mit einer Mitabiturientin zusammen zu gehen, und – na ja – dann habe ich sie vielleicht auch zum 1. Mal geküβt [lacht].

Wir waren also schon auf Tertia, ich weiβ nicht, Unter- oder Obertertia, die Bezeichnungen sind wohl nicht mehr so allgemein üblich. Nach der Volksschule fing das Gymnasium mit Sexta an, dann Quinta, Quarta, Untertertia, Obertertia, Untersekunda, und dann kam die mittlere Reife, Obersekunda, Unterprima, Oberprima. In Untertertia und Obertertia kamen 2 Mädchen auf unsere Schule, die nicht die Möglichkeit hatten, auf der Mädchenschule Abitur zu machen. Die reichte nur bis zur mittleren Reife. Später kamen noch mehr, zum Teil aus dem Litauischen, die in Stallupönen zur Schule gingen. Dann wurde die Klasse geteilt, und ich war prompt wieder auf der Mädchen-Klasse mit 6 Mädchen und 5 Jungen und sogar noch Klassen-Sprecher [lacht]. Aber wie gesagt, bin ich da nun keineswegs ein Frauenheld gewesen. Dazu fehlte mir einfach die Gelegenheit.
Mein Verhältnis zu den Mitschülern war eigentlich auch dadurch bestimmt, daβ ich als Fahrschüler eben so etwas isoliert war. Ich weiβ, daβ die Schulkameraden, die aus der Grenzstadt Eydtkuhnen kamen und selbst in einer Stadt wohnten, eher die Möglichkeit hatten, eine Clique zu bilden und allerlei anzustellen. Ich erinnere mich z.B., daβ sie es fertigbrachten, einem Reisenden im Wartesaal Mostrich auf die Glatze zu schmieren. Eigentlich das Schlimmste, woran ich mich erinnern kann. Die anderen jedenfalls, die aus der pillkaller Gegend kamen – Pillkallen (Schloβberg) war eine Kreisstadt nördlich von Stallupönen – die waren durchaus ganz friedlich, und ich kann mich nicht daran erinnern, daβ ich bei irgendwelchen Streichen dabei war – mangels Gelegenheit.

Kräftig war ich wohl, aber sportlich nicht so sehr. Ich habe die Möglichkeit Sport zu treiben auch vermiβt. Praktisch nur im Turn-Unterricht, und das war nicht besonders reizvoll. Boden-Übungen habe ich nicht so gerne gehabt, und damit begann jede Turnstunde. Liegestütze habe ich weder auf der Schule noch als Soldat gemocht. Schwimmen lernte ich im am Stadtrand gelegenen Schwimmbad, wohin wir von der Schule aus gingen. Aber eben auf die Turnstunde beschränkt. Gelegentlich gab es Ausflüge mit dem Fahrrad zu den Seen der Rominter Heide; besonders schön der Marinowo See. In der Nähe unseres Dorfes gab es den Fluβ Pissa [der von der Damenwelt nur schamhaft „das Flüβchen” genannt wurde] mit einigen tiefen Stellen, wo man baden aber nicht richtig schwimmen konnte.

[In den Jahren 1933-44 jagten in Rominten viele in- und ausländische Gäste. So freigebig Göring auch mit seinen Einladungen auf Hirsche war, so schuβneidisch wurde er, wenn ein Gast einen wirklichen Kapitalhirsch schoβ, den er selbst gern erlegt hätte. Als der ungarische Ministerpräsident Gömbös einen solchen Hirsch geschossen hatte, wurde Görings Verhalten dem Gast gegenüber fast verletzend. Als Entschuldigung lieβ Göring zu Ehren von Gömbös den Marinowo-See in Gömbös-See umtaufen.]

Marinowo-See

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