Letztes Interview XVIII

hoffentlich-nicht

Ich ging nicht jeden Sonntag zur Kirche, denn auch die Kirche war eben weit weg. In früheren Jahren wurde noch öfter zur Kirche gefahren, und ich bin dann auch mal mitgefahren. Und später wurde am Sonntag zuhause Andacht gehalten, und nachdem ich vielleicht 16 Jahre alt war, hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, aus einem Buch die nicht so ganz kurze Predigt zu verlesen [lacht]. Das war meine Aufgabe. Irgend so eine Predigt jeden Sonntag. Früher wurden sogar noch auf den eigenen Höfen kurze Abend-Andachten gehalten. Das war so eine einseitige Sache. Der Vater leitete das, und ich habe das eben sehr früh noch selbst lernen müssen. Knechte waren nicht dabei. Wir hatten eigentlich keine Knechte sondern Instleute, die verheiratet waren und mit ihren Familien zusammenlebten. Ich erinnere mich, daβ wir mal einen Litauer als Knecht hatten, der nicht bei uns im Hause wohnte, sondern sehr primitiv auf einem Strohsack in einer Kammer hinter dem Pferdestall schlief.
Die Bevölkerung war an sich ziemlich fromm. Manchmal frommer als es die Kirche verlangte. Als ich meinen Stammbaum aufstellen muβte, da jeder seinen arischen Nachweis zu erbringen hatte, hab ich zu meiner Überraschung festgestellt, daβ ich irgendeinen Groβvater in keinem Kirchenbuch fand. Ich fand ihn nachher beim Amtsgericht im Register der aus der Landeskirche ausgetretenen Personen. Da waren einige Bauern aus der Kirche ausgetreten, weil ihnen die nicht fromm genug war und hielten dann eigene Andachten ab. Aber das habe ich nicht selbst erlebt. Das war schon 1 Generation davor.

Ein Lehrer, der Sprachen unterrichtete, der leitete auch einen Bibel-Kreis, und da meine Mutter sehr fromm war, hatte sie mich da irgendwie angemeldet, und ich habe dann eben auch son Bibel-Kränzchen besucht, obwohl meine religiösen Gefühle nicht sehr ausgeprägt waren. Ich interessierte mich sehr für Philosophie und Religion, aber mehr so als Freidenker. Einerseits hat mich die etwas übertriebene Frömmigkeit und Kritiklosigkeit meiner Mutter strapaziert und abgestoβen, und andererseits war ich sehr beeindruckt durch das Zeitalter der Aufklärung, das ich in der Schule vermittelt bekam. Ich bin also sehr ein Verstandesmensch. Ich kann nicht einfach glauben, sondern ich möchte wissen. Und wenn ich feststelle, daβ mir jemand etwas zumutet, was ich glauben soll, und es nicht irgendwie logisch oder vernünftig ist, dann kann ich einfach nicht glauben. Dazu kam die politische Beeinflussung. Man glaubte ja damals, es gäbe zwar ein Christentum, aber es war ein deutsches, nicht das übliche Christentum.

Von Zuhause aus bekam ich überhaupt keine Bildungs-Hilfe. Ich bin sehr gut in Deutsch und Geschichte gewesen, zeitweise auch in Mathematik, vor allem in der abstrakten (Algebra, Geometrie). Das lag mir sehr gut. Und dann die höhere Mathematik. Aber in Sprachen war ich sehr schwach, weil mir einfach die Möglichkeit fehlte, zuhause richtig zu lernen. Sprachen kann man nicht lernen, wenn man nur mit den Augen die Vokabeln liest, sondern man muβ sprechen, und dazu hatte ich gar keine Gelegenheit. Auf den oberen Klassen besaβ ich ja nicht mal ein eigenes Zimmer. Das war auch dadurch bedingt, daβ Petroleum-Licht in einer eigenen Lampe angesteckt werden muβte, und nicht jedes Zimmer einen eigenen Ofen hatte. Im Winter war es undenkbar, daβ man als Junge sein eigenes Zimmer bekam, für das etwa noch ein eigener Ofen eingeheizt wurde. Anregung und Unterstützung fehlten völlig. Ich war ja nur der einzige in der ganzen Familie, der Abitur gemacht und studiert hat.

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