Letztes Interview XIX

RAD-Uniform

Die Nazizeit fing ja schon Ende der 20er Jahre an. Da war ich noch auf der Schule. Ich hab erst 1933 Abitur gemacht. Bin 1913 geboren, und mit 16 fing ich an, mich für diese ganze Situation zu interessieren [Hitlerjugend 1931-1933; NSDAP 1934-1945; ohne Amt oder Rang; entlastet, Entnazifizierungs-Kategorie V, sog. „Persil"-Schein]. In Ostpreuβen waren wir sozusagen eingeschlossen. Wir hatten nicht mal mehr eine Verbindung mit dem übrigen Reichsgebiet. Da war der polnische Korridor dazwischen. Wir fühlten uns bedroht, und das dieses Gefühl durchaus begründet war, hat ja die spätere Entwicklung gezeigt. Man hatte auch das Gefühl, man müsse etwas tun, um seine Heimat zu verteidigen. Und so wurden wir in den Dorfschulen auch im Gebrauch des Gewehrs unterrichtet (Landwehr). Und ich weiβ noch, wie begeistert ich war, wenn die Reichswehr mal auftauchte, die nicht sehr zahlreich war. Wenn ich mit dem Nachmittagszug von der Schule kam und feststellte, daβ im Dorf oder auf dem Acker irgendwelche Soldaten übten und mit ihren Waffen in Stellung gingen, da bin ich ausgestiegen und hab mir das angesehen. Also ich war durchaus für das Militär begeistert. [„Doch es sollte mich freuen, wenn Du mit 70 Jahren feststellen könntest, daß nur einer von uns hereingefallen ist."]

Juden gab es auch in Stallupönen, aber nicht sehr viele [1871 in Stallupönen 110, in Eydtkuhnen 201; 1925 in Stallupönen 47, in Eydtkuhnen 147]. Da gab’s einen Kaufmann Finkenstein und einen Pferdehändler Schakowski, mit dessen Sohn ich sogar zeitweise in einer Klasse war. Die sind nicht besonders aufgefallen. Ich bin natürlich damals irgendwann für den Nationalsozialismus begeistert worden und habe geglaubt, das wäre sozusagen die Rettung für das unterdrückte Vaterland, das damals allein schon durch die Abschnürung vom übrigen Reich und an den Folgen des Versailler Vertrags litt. Damit war auch ein gewisser Antisemitismus verbunden [Klagen darüber schon 1883 in der Stadtgeschichte von Neidenburg], aber ich habe z.B. gar keine Bedenken gehabt, in der Schule die Bank mit einem Juden zu teilen. Das war allerdings ein litauischer Jude. Mit Vladimir Gurwitsch hatte ich überhaupt keine Probleme. Und auch in dieser Mädchenklasse war eine Jüdin, Luci Kage. Keine persönlichen Antipathien. Wie sie ihre Religion praktizierten, das wuβte man eigentlich gar nicht. Das spielte keine Rolle. Danach fragte und dafür interessierte sich keiner. Auch sprachlich war da kein Unterschied. Persönlichen Kontakt habe ich eigentlich nur mit diesem Klassenkameraden gehabt. Obwohl er aus Litauen stammte, sprach er ein einwandfreies Deutsch. Und diese Luci Kage war vielleicht son biβchen hysterisch, aber auch ganz normal und nett. Auch eine andere, die ich so mehr vom Sehen kannte – da fand man gar nichts Besonderes dabei.

[Jüdische Schüler konnten auf schriftlichen Antrag der Eltern vom Schreiben am Sabbath befreit werden, doch lehnte die Schule jede Verantwortung für daraus erwachsende Nachteile ab. Dörfer mit jüdischen Einwohnern lagen fast ausschlieβlich an der litauischen Grenze, da der Grenzverkehr gute Möglichkeiten für den Handel, insbesondere den Pferdehandel bot, den die Juden seit dem Mittelalter in einer Art Zwangstradition pflegten, da ihnen andere Berufe durch die Staatsraison verboten waren. Der Russeneinfall von 1914 wurde von der jüdischen Bevölkerung als ernsthafte Bedrohung empfunden, da sie russische Progrome wie im Jahre 1905 noch in Erinnerung hatten. Einige waren damals nach Ostpreuβen geflüchtet. In der „Reichs-Kristallnacht” im November 1938 waren die jüdischen Synagogen in Stallupönen und Eydtkuhnen Zielpunkt von Ausschreitungen und Gewalttaten durch SA und SS. Viele Juden flohen daraufhin über die Grenze nach Litauen, einige wanderten in die USA aus.

Seit 1930 existierte die Hitler-Jugend (HJ) mit einem Bannführer Dobat, zu dem keinerlei familiäre Verbindung bestand. Dennoch hatte mein Vater deswegen später gelegentlich Schwierigkeiten. So wurde er auf einem Ostpreußen-Treffen mal gefragt: „Bist du der Bannführer?" was schon altersmäßig nicht paßt. Selbst einer meiner Direktoren fragte mich danach – nachdem er sich das Buch „Der Kreis Stallupönen" (R. Grenz, 1970) von mir ausgeliehen hatte. 1971 waren von den wenigen Besuchern, die zu meiner Ausstellungseröffnung in Salzgitter kamen, einige nur erschienen, weil sie auch Dobat hießen, aber auch in diesem Fall bestand keinerlei verwandschaftliche Beziehung.]

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