Stunden der tiefen Gefühle (Unter Hundefressern VI.)

rot-weiss

Es geschah am 17. August, dem Jahrestag der Unabhängigkeit von Holland. Die Dorfbewohner hatten Häuser und Straβen rot-weiβ dekoriert, Randsteine, Pflanzenkübel und Gartenzäune waren frisch geweiβt und stellenweise Büsche und Bäume nicht ausgespart, sondern – vielleicht in einer Laune zivilen Ungehorsams – gleich mit übermalt worden. Auf einem unbebauten Grundstück an der Straβe nach Kema, das man nur auf einem Palmenstamm, über einen tiefen Graben balancierend, erreichen konnte, erlebte das halbe Dorf in mühsam unterdrückter Erregung das Sportereignis des Jahres: Das Fuβballspiel des 1.CS Kauditan gegen den Gast Victoria Treman.
Die Zuschauer auf den völlig überfüllten Seitenstreifen bekamen eine brisante Partie mit spannendem Verlauf, spielerischer Klasse, taktischen Anordnungen wie aus dem Lehrbuch und schlieβlich – wenn der Ball auch gelegentlich in den Graben fiel – 5 zum Teil beeindruckende Treffer zu sehen. Immer wieder forcierten die heimischen Kicker das Tempo mit direkten und in der Regel in die Tiefe gerichteten Pässen von Saweho, verlagerten dabei die Schwerpunkte geschickt, drangen alternierend über die Flanken vor und erzeugten damit weit mehr Druck und Offensivkraft als der Gegner aus dem Nachbardorf.
Am Rande der verkleinerten Spielflächen – nebenan spielten Damenfrauschaften synchron irgendetwas, nicht der Rede wertes – saβ der Manager des 1.CS, Gopanke, gleichzeitig Bürgermeister von Kauditan II, auf einer Bank für sich allein, während alle anderen Stehplätze einnahmen.
Das Spiel war schon eine Weile im Gang, als ich mit meinem Sohn über den Palmenstamm turnend dazukam. Beide Equipen versuchten gerade mit Abseitsfallen den Gegner möglichst weit weg vom eigenen Handballtor zu halten, so daβ eine gewisse Pattsituation im Mittelfeld entstand, die der Konstruktivität kaum förderlich war. Fast schien es, als wollten beide Mannschaften mit möglichst geringem läuferischen Aufwand – verständlich bei der Hitze und Luftfeuchtigkeit – mit sporadischem Zuspiel in den freien Raum den Erfolg anstreben. Zumal jeder Schuβ in Richtung des unteren Tores – man spielte in leichter Hanglage – im Regelfall nicht in demselben, sondern im Graben oder auf der Straβe landete, wo der Ball dann an der gegenüberliegenden Moschee vorbei in Richtung Tontalete rollte, wenn er nicht vorher von einer johlenden Kinderschar aufgefangen wurde. Immerhin spielte man nicht mit einer Kokosnuβ.
Wir traten also näher, um zu sehen, wie mit Haken und Ösen gekämpft wurde. Ruppige Zweikämpfe, harte Attacken auch in ungefährlichen Situationen lieβen darauf schlieβen, daβ hier in erster Linie um das Dorfprestige gespielt wurde.
Bevor ich einen Schiedsrichter entdecken konnte, machte mich mein Sohn mit einer für kleine Kinder typisch, auffällig unauffälligen Art auf etwas aufmerksam, das sich hinter mir zu befinden schien. Ich drehte mich also scheinbar zufällig um und erblickte einige Schritte entfernt die alte Dorfhexe, Galapea genannt, weil sie wie ein vertrockneter Fisch aussah. Wir kannten uns, und ich grüβte freundlich, worauf sie mit einem breiten Grinsen ihres weitgehend zahnlosen, verschrumpelten Mundes reagierte. Gleichzeitig stürzte sich Tremans Torhüter Tumbel auf den Ball, den Wumu vom 1.CS knapp verzogen hatte.
Es war bei einem Picknick in unserer Plantage auf dem Gunung Potong, wo ich Galapea zum ersten Mal begegnet war. Wir hatten dort gemeinsam verkohlte Maiskolben gegessen. Damals wuβte ich noch nicht, daβ sie eine Medizinfrau war.

Luntungan setzte sich gerade wieder gegen die Verteidigung aus Treman durch, diesmal gegen Ibrahim …

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2 Gedanken zu „Stunden der tiefen Gefühle (Unter Hundefressern VI.)

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