Stunden der tiefen Gefühle VI.3.

Damit die ZURÜCKGEKOMMENEN bei dem nun folgenden Exorzismus wieder hinauskonnten, bestand Galapea darauf, daβ die Tür geöffnet blieb. Schon beim Betreten des Raumes hatte sie auf ein an sich harmloses Stückchen Papier hingewiesen, das in der Nähe des roten Sofas auf dem Boden lag.
„Was ist das?“
Ich hielt es für ein Stück Papier, aber so wurde unsere Wahrnehmung gleich für das Übersinnliche geschärft, das Geheimnis wurde präsent und das Papier schleunigst entfernt. Dann wandte sich Galapea der zuckenden Besessenen zu und kniete sich neben dem Sofa auf die Dielen.
„Warum stört ihr die Lebenden? Ihr meint das gut, aber für uns ist das nicht gut“, sprach sie in Tonsea-Dialekt die Geister der Verstorbenen an. Schwiegermutter wurde immer unruhiger und machte mit dem Mund schmatzende Geräusche. Jetzt holte Galapea aus verborgenen Tiefen ihres abgetragenen Jackets eine vertrocknete Zitrone, ein Stück Rinde und etwas, das wie Gelbwurzel roch. Dann verlangte sie ein Messer, schabte damit ein wenig von den Stücken ab, nahm das Pulver in den Mund, kaute, spuckte zuerst in alle 4 Himmelsrichtungen und dann plötzlich auf die Kranke. Worauf diese wie in einer Reflexbewegung blitzschnell mit geschlossenen Augen zurückspuckte. – Verlegenes Gekicher aus der Kulisse der Verwandten.
An dieser Stelle begann die Vorstellung für mich bizarr zu werden. Eben noch in offensichtlicher Trance, konnte Schwiegermutter jetzt so schnell und gezielt reagieren?
„Wer bist du denn, was willst du?“ fragte Galapea nun den Geist. „Warum störst du hier?“
Die Besessene gab stöhnend gepreβte Laute von sich und fing an, einen Unterarm angehoben, mit den Fingernägeln von Daumen und Mittelfinger zu schnippen.
„Das ist Langi!“ rief meine Schwägerin Els. „Das macht doch Langi immer!“
Meine Frau wurde von einem Schauer erfaβt, der ihr über den ganzen Körper lief. Die in ihr haftenden Erinnerungen aus der Kindheit kamen hoch: wie sich die Nachbarsfrau, die zwar keine dukun war, sich aber auf Geisteraustreiben verstand, an ihr betätigt hatte, als sie selbst krank war.
„Ihr wollt nur ‚Guten Tag‘ sagen und erkannt werden. Nun könnt ihr wieder nach Hause gehen. Mangemo! Geht schon!“ war die in solchen Situationen übliche Beschwörungsformel. Dabei wurde mit der Hand über den Körper der Befallenen gestrichen, ohne diese zu berühren.
Um zu bestätigen, daβ es der verstorbene Sohn war, der seine Mutter belästigte, wurden nun Haare benötigt. Meine Frau hatte niederzuknien, Galapea griff sich eine dünne Strähne aus deren Schopf, strich sie glatt, wickelte sie um zwei Finger, verschloβ diese in der Faust, murmelte dahinein Zauberworte, nannte Langis Namen, pustete noch einmal auf die Faust und zog sie mit einem Ruck nach oben. Das deutlich knackende Geräusch ergab die Bestätigung. Aus einer anderen Tiefe ihres verbeulten Jackets holte Galapea nun einen Stoffetzen, drehte diesen zum Docht und zündete ein Ende an. Den Rauch blies sie wieder in alle Himmelsrichtungen und über das Gesicht der Kranken. Dann löschte sie die Glut und strich die Asche über deren Stirn und beide Handgelenke, dabei auf Dialekt besänftigend auf sie einredend:
„Du hast es gut gemeint.“ Dann in einem schimpfenden Stakkato: „Warum kommst du immer wieder zu deiner Mutter? Sie wird nur krank davon! Jetzt muβt du aber nach Hause gehen! Was du gut meinst, macht uns Lebende krank! Wir haben dich erkannt, du hast alle gesehen, nun muβt du gehen, damit deine Mutter wieder gesund wird!“
Zuerst schien die Besessene beruhigt zu sein, als wenn sie schlief. Nach einer Weile fing sie aber wieder an zu strampeln.
„Ja, was willst du denn? Du bist ja immer noch da!“ schimpfte Galapea. Auch meine Frau, die wuβte, daβ ihr Bruder nicht anwesend war, konnte es nicht abschütteln und spürte die Pflicht, das Ritual zu unterstützen. Halbherzig forderte sie leise ihren toten Bruder auf, uns zu verlassen. Ihre Schwester Els war dagegen die ganze Zeit eifrig engagiert:
„Das geht nicht, daβ du immer wieder in die Nähe unserer Mutter kommst! Sie ist schon so krank, sie soll doch wieder gesund werden! Es ist schon spät, wir wollen doch wieder nach Tontalete fahren. Das willst du doch, daβ wir dahin gehen? Du muβt uns jetzt verlassen!“
„Siko kua dei mo karia mi!“ sprach Galapea. „Du gehörst nicht mehr zu uns! Dei kua? Ist es nicht so?“
Teintu! So ist es!“ antwortete der Chor der Verwandten.
„Mangemo!“
Als die Kranke in diesem Moment immer unruhiger wurde, fragte Els:
„Willst du uns etwas sagen? Dann sag doch!“
Schwiegermutter reagierte jetzt ganz heftig, versuchte zu sprechen, gab aber nur kehlige Laute zu hören. Galapea drehte sich darauf um, sah den ältesten Sohn Langis und rief ihn zu sich:
„Komm mal her Dolop! Dein Vater will euch etwas sagen.“
Ein Hocker wurde ans Sofa geschoben, und Dolop nahm mit todernster Miene zögernd Platz. Mit geschlossenen Augen und ganz tiefer, fremder Stimme, wie aus dem Bauch hervorgepreβt, stieβ die Groβmutter hervor:
„Ihr liebt Oma und Opa nicht mehr!“
Eine Viertelstunde vor Schluβ schoβ Taroreh aus Treman ein zweites Tor, allerdings in den falschen Kasten. Eigentor. Ausgerechnet Taroreh. Ungläubige Gesichter reium, besonders bei Onibala.
Dolop sagte keinen Ton. Seine Oma wurde zusehends ruhiger. Der Geist schien aber immer noch in ihr zu sein.
„Was willst du denn noch? Du hast doch schon alles gesagt! Du willst doch, daβ wir wieder nach Tontalete gehen?“ rief Els.
Danach versuchte Schwiegermutter, sich aufzurichten und öffnete ein wenig die Augen, ohne schon ganz das Bewuβtsein wiedererlangt zu haben. Sie wurde gleich von beiden Seiten gestützt. Wie in Zeitlupe lieβ sie nun ihren Blick in die Runde schweifen und erstarrte, als sie bei mir anlangte. Den Mund halb, die Augen weit geöffnet, zeigte sie auf mich, der ich frisch aus dem Bett gehüpft und etwas derangiert war.
„Geh schon!“ stieβ mich meine Frau an. „Zieh dich um!“
Ich sprang auf und in die Kammer, zog mich schleunigst ausgehfertig an, und wir brachen auf, die Kranke rechts und links stützend.
In Tontalete hatten die meisten das Fest schon verlassen, und es herrschte nicht nur wegen der 15Watt Beleuchtung eine beklemmende Atmosphäre. Die Braut huschte hin und her, als wären wir hochgestellte Gäste, traute sich nicht, sich zu uns zu setzen und verharrte in deutlicher Distanz.
Meiner Frau war ganz übel. Sie fühlte sich als Akteurin in einem Horrorfilm. Schwiegermutter saβ wie der lebende Leichnam einer Königin, äuβerlich scheinbar zufrieden, unter einem Baldachin aus Bambus, Wellblech und Plastikfolie auf dem Sessel, zu dem wir sie geleitet hatten. Der gute Geist, der überall und mit dem Wind ist, beschützte sie nun wieder. Alle kümmerten sich um sie, und das war es, was sie seit langem schmerzlich vermiβt hatte.
Schwiegervater aber blieb kalt: „Sowas kommt bei ihr manchmal zwei bis dreimal am Tag vor.“
Drei herrliche Treffer, durch Sambow (nach Freistoβ) und zweimal durch Tumatar, waren neben einer langen Reihe zum Teil kläglich vergebener Torchancen das Ergebnis und entschieden das Spiel. Was folgte, war die Stunde der tiefen Gefühle: Galapea und ich fielen uns in die Arme, obwohl mir gar nicht recht klar war, wer eigentlich gewonnen hatte, Torwart Rotti und Mittelstürmer Wulur tanzten gemeinsam über den übriggebliebenen Rasen, und Manager Gopanke weinte hemmungslos. Mein Sohn war inzwischen in den Graben gefallen.
Die Geister der Verstorbenen sind manchmal hartnäckig. Zwei Jahre nach diesem Vorfall starb meine Schwiegermutter, Adelheid Mawuntu.

Aaltje-&-Mutter

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2 Gedanken zu „Stunden der tiefen Gefühle VI.3.

  1. Heute sind wir von ihnen umzingelt, aber wir wissen, sie für unsere Zwecke zu nutzen, indem wir den Wilden 1 Friedhofs-Grundstück gleich nebenan geschenkt haben, wo keiner bauen mag.

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