Was war die Liebe?

Erinnerungskasten

Zu den irrationalen Dingen, die ich bei meiner Auswanderung mitnahm, gehört ein Holzkasten, den ich mit alten Fotos gefüllt habe. Fotos aus einer Zeit, die ich nur in Grau- und Sepia-Tönen kenne. Als ich nach Fotos meiner Mutter suchte, fand ich einen Zettel, der auf 4 postkartengroßen Seiten einen sorgfältig abgeschrieben Textauszug aus Knut Hamsuns „Viktoria" enthält. Ich habe zwar fast meine ganze Bibliothek mitgenommen, die teuer verzollt werden mußte, und ich besitze Hamsuns „Mysterien" (1892), „Pan" (1895), „Die Stadt Segelfoss" (1915), „Segen der Erde" (1917), „Das letzte Kapitel" (1923) und „Landstreicher" (1927), aber nicht „Viktoria". Und wenn Julchen es mir nicht vorgelesen hätte, wüßte ich nicht, daß in diesem „Hochgesang auf die Liebe" für meinen Geschmack etwas viel „God inside" ist, aber 1898 wohl nicht anders zu erwarten. Ob hier ein wirklicher „armer Müllersbursche" seine vornehme Dame nicht bekam, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Alle, die darüber Auskunft geben konnten, sind tot. Eventuell die frühe Handschrift meines Vaters. Als ich ihn Anfang der 70er Jahre aufklärte (umgekehrt hatte es nicht geklappt), empfahl ich ihm nicht Poesie sondern Praxis. Daraufhin ließ er sich von meiner Mutter scheiden.

„Ja was war die Liebe? Ein Wind, der in den Rosen rauscht, nein, ein gelbes Irrlicht im Blute. Die Liebe war eine höllenheiße Musik, die selbst die Herzen der Greise tanzen macht. Sie war wie die Marguerite, die sich dem Kommen der Nacht weit öffnet, und sie war wie die Annemone, die sich vor einem Atemhauch verschließt und bei Berührung stirbt.
So war die Liebe.
Sie konnte einen Mann zugrunde richten, ihn wieder aufrichten und ihn wieder brandmarken; sie konnte heute mich lieben und morgen Nacht ihn, so unbeständig war sie. Aber sie konnte auch festhalten wie ein unzerbrechliches Siegel und bis zur Stunde des Todes gleich unauslöschlich flammen, denn so ewig war sie.
Wie war denn die Liebe?
Oh, die Liebe ist wie eine Sommernacht mit Sternen am Himmel und mit Duft auf der Erde. Aber weshalb läßt sie den Jüngling verborgene Wege gehen, und weshalb läßt sie den Greis in seiner einsamen Kammer auf den Fusspitzen stehen? Ach, die Liebe macht des Menschen Herz zu einem Pilzgarten, einem üppigen und unverschämten Garten, in dem geheimnisvolle und freche Pilze stehen. Läßt sie nicht den Mönch in verschlossene Gärten schleichen und in der Nacht den Blick in die Fenster der Schlafenden werfen? Und macht sie nicht die Nonne toll und verdunkelt den Verstand der Prinzessin? Sie wirft den Kopf des Königs auf den Weg, daß sein Haar den Staub der Straße fegt, und läßt ihn dabei schamlose Worte vor sich hin flüstern und lachen und die Zunge herausstrecken.
So war die Liebe.
Nein, nein, sie war doch wieder ganz anders, und sie war wie nichts sonst in der ganzen Welt. In einer Frühlingsnacht, als ein Jüngling zwei Augen sah, kam sie auf die Erde. Er starrte und sah. Er küßte einen Mund, da war es, als träfen sich zwei Lichter in seinem Herzen, eine Sonne, die einem Stern entgegenblitzte. Er fiel in einen Schoß, da hörte und sah er nichts mehr auf der ganzen Welt.
Die Liebe ist Gottes erstes Wort, der erste Gedanke, der durch sein Gehirn glitt. Als er sagte: Es werde Licht! ward es Liebe. Und alles, was er geschaffen hatte, war sehr gut, und er wollte nichts davon wieder ungeschehen machen. Und die Liebe war der Ursprung der Welt und die Beherrscherin der Welt, aber alle ihre Wege sind voll von Blumen und Blut, Blumen und Blut.
– Fragt jemand, was die Liebe ist, so ist sie nichts als ein Wind, der in den Rosen rauscht und dann wieder dahinstirbt. Oft aber ist sie auch wie ein unzerbrechliches Siegel, das das ganze Leben lang dauert, bis zum Tode. Gott hat sie in vielerlei Arten geschaffen und hat sie bestehen oder vergehen sehen."

Dienstreise

Das Foto zeigt ihn mit einer mir unbekannten verheirateten Frau, die er auf einer seiner Dienstreisen kennenlernte. Die dazu gehörenden Liebesbriefe befanden sich ebenfalls im Nachlaß. Zwar kenne ich keine anderen Bilder von ihm, die ihn so glücklich und entspannt zeigen, aber aus der Beziehung wurde nichts.

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