Wie man tot iss

Vater-im-Atelier-2

Leichter stirbt, wer matt ans Ende der Bahn schleicht,
Als wenn Gott in die himmlischen Scheuern erntet,
Während er, frisch noch im Geiste, die Höhe hinansteigt.
Und doch, hätt‘ ich ein steinernes Herz – den Einen
Nicht mehr sehen, der das Leben mir gab, der als Kind mich
Aufzog, der mich geschützt! – und soll nicht weinen?

Michelangelo Buonarroti, ~1534

Ich war gesundheitlich angeschlagen und völlig fertig durch strapaziöse Rückreise und unmittelbar anschließenden Schock, mußte jedoch am nächsten Tag nach Hannover fahren, um nach meinem toten Vater zu sehen. Seine Frau wußte nicht, wo er sich befand, Adolf, der Bestattungsunternehmer druckste rum:
„Warten Sie, ich will sehen, ob es möglich ist."
„Ist er denn hier?"
„Warten Sie bitte einen Moment!"
M. verschwand nach Hause, Adolf, auch Chef des Hannoverschen Fußballvereins H96, hinter einer Tür.
Nach einer Weile kam er wieder: „Ich kann Ihnen nur abraten. Ihr Vater sieht nicht gut aus!"
Wer sieht schon gut aus, wenn er tot iss. Ich wurde immer neugieriger: „Ich will ihn sehen!"
„Na gut, aber ich habe es Ihnen gesagt. Und den Jungen sollten Sie hierlassen!"
Der kommt mit!"
Er lag in einer als Notkapelle drapierten Garage. Einige grüne Plastik-Bäumchen, ein dünnes Holzkreuz an die Wand genagelt. In einem göffneten Sarg auf einem Fahrgestell lag er vor mir. Sehr weiß, aber ganz gesund aussehend, sofern man das von einer Leiche sagen kann. Ich war froh, daß er noch nicht von dem Fußball-Manager kosmetisch vergewaltigt worden war. Seine Haut, nach unten gesunken, hatte sich in den Gesichtspartien straffgezogen. Entzündungen nicht mehr zu sehn, nur einige Leichenflecken oben auf dem Kopf. Der Mund leicht geöffnet, ebenso die Augenlider. Aaltje hat sie sanft zugedrückt. Die Hände zu Fäusten auf der Brust geballt.
„Kriegen wir nicht mehr auf, da ist nichts zu machen", bemerkte der schwarze Mann.
Warum auch? Soll er beten? Wollen sie ihn hinbiegen, wie sie’s gernhaben? Dann hätten sie seine Knochen brechen müssen. Er hatte sich gegen 8:00 morgens am Bettrand sitzend nach hinten gelegt, und so verblieb er, bis die Leichenstarre eintrat. Das Radio lief noch, als M., von der Arbeit zurückkehrend, ihn am Abend fand.
Er hatte eine grauen, leichten Pulli über ohne Kragen mit irgendeiner englischen Aufschrift.
Ich streichelte sein Gesicht, glättete seine Haare, berührte seine Hände, legte meine Hand auf seine Schulter.
Er war kalt.
Dann kam er zurück in die Kühlkammer.
Vater, ich würde alles wieder hergeben, um Dich lebendig zu machen. Ich habe keine Freude an meinem Erbe.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s