2. Konflikt

2-men

Liebe Mutter!

M. begegnet mir von vornherein wie auf dem Schlachtfeld. Dabei war sie die erste, die den Willen meines Vater umbiegen wollte. Ich erzählte ja neulich schon, daß M. mit dem Hinweis, sie habe ausdrücklich im Testament festgelegtes Wohnrecht – in diesem Fall nahm sie das Testament wörtlich – deshalb würde es auch dem Sinn entsprechen, wenn ihr Sohn B., ihre Tochter A. und der Dirigent des „Mövenpick" Hannover in die Wohnung im Obergeschoß einzögen. Mit diesem Hinweis forderte sie den Vorrang vor meiner Wahl eines neuen Mieters. Ich fragte noch, wie diese 3 denn eigentlich die Wohnung aufteilen wollten, und was er denn dirigiere, der Dirigent, ging dann aber zum juristischen Gegenangriff über und machte ihr klar, daß SIE zwar Wohnrecht, aber nicht ihre Kinder oder irgendwelche fremden Leute hätten, und daß eine Untervermietung, wenn sie Hauptmieterin wäre, von meiner Zustimmung abhinge. Im übrigen wäre mir bekannt, wie widerwärtig B. meinem Vater gewesen wäre, sein Einzug also keinem Sinn entspräche.
Das sah sie ein, aber die 3 würden sich so gut verstehen und würden oben wohnen und unten die Räume mit Antiquitäten ausstatten. Sie wüßten sowieso nicht, wo sie ihre ganzen Antiquitäten lassen sollten, und die Räume gemeinsam nutzen. Und der Herr Mövenpick sei schon etwa über 30 und sehr solvent und eloquent und „kein Faschist" (Was mich sehr beruhigte!). Und ihre Tochter wolle so als Zwischenstation gleich 2 Räume mieten.

Erst am Dienstag in einer Fiebernacht fiel es mir wie Schuppen von der Hypophyse: Wieso will ein über 30jähriger Manager – so solvent und eloquent – ein winziges Dachkämmerchen ohne eigenes Bad und Privatsphäre mieten??? Sollte es sich hier vielleicht um ein schwules Pärchen handeln, das dann sowieso gleich das Doppelbett übernimmt, und A. ist so eine Art Tarnfigur? Nun, diese meine Stiefschwester wollte mir noch einen Brief aus Berlin schreiben. Da bin ich sehr gespannt.
Ich bin ja kein Unmensch, und es gibt Situationen, wo man eben zeigen muß, ob man Vorurteile hat oder nicht, aber ich möchte mir auch nichts vormachen lassen, und die Herren müssen schon die Hosen runterlassen (im übertragenen Sinne natürlich). Die Demütigung (wenn es eine ist), daß ihr entzückender Sohn B. schwul ist (was ja bisher nie offenbart wurde), kann ich M. nicht ersparen, bevor diese sauberen Herren in meinem Haus ins Doppelbett springen können.
Jedenfalls kann die Asche meines Vaters nicht mehr mit den Zähnen knirschen.
Das war der 2. Versuch, den Willen meines Vaters den eigenen Wünschen entsprechend umzuinterpretieren.

Diese kleine Anekdote über die feinen Leute so am Rande zur Erbauung.

David Hockney (*1937), „Two Men in a Shower", 1963

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