Glückliche Sperlinge

Das-Tor

Das Manuskript des Dr. Folitzky

Hätte ich Bücher, die mich mit Angaben versorgten, wo mein Gedächtnis mich im Stich läßt, ich schriebe eine Abhandlung über den Einfluß eines betrachtenden Lebens auf Empfindung und Vorstellung … Doch zweifle ich sehr, ob jemand hierzulande mir Petrarcas „De Vita Solitaria" und „De Contemptu Mundi" leihen könnte oder das Gedicht über die Beschaulichkeit von Dschelâl ed-dîn Rûmi.
Um ein derartiges Werk allen Ernstes zu beginnen, müßte ich einen weitläufigen Briefwechsel mit Gelehrten und Bibliotheken einleiten, die neuesten Veröffentlichungen auf dem Gebiet geistiger Hygiene studieren und mich persönlichen Forschungen widmen, die nur dann erschöpfend wären, wenn ich den Berg des Siebenfachen Glanzes verließe. Um über das beschauliche Leben zu schreiben, müßte ich es aufgeben.
Ich werde mich daher auf die Niederschrift meiner eigenen Erfahrungen beschränken, indem ich Symptome schildere, die ich an mir selbst beobachtet habe, nicht krankhafte Symptome, sondern Erscheinungen, die eine Steigerung des bewußten Wahrnehmungsvermögens anzuzeigen scheinen … Wozu brauche ich in die Welt zurückzukehren, um staubige Bücherregale mit einem neuen Schmöker zu belasten? Weit besser tut die sanfte Ruhe auf meinem Berg des Siebenfachen Glanzes …

Daniele Varè (1880-1956), „Das Tor der glücklichen Sperlinge", 1954
Der in Rom geborene italienische Erzähler arbeitete im diplomatischen Dienst (1927-1932 in China).

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