Initiative mit Fernblick

C.D.F.-Mittag

Liebe Mutter!

Die letzten 24 Std. waren eine äußerst nervige Angelegenheit. 2 Nächte keinen Schlaf und dann auch noch Fieber bis 38,2. Es lief also offensichtlich rückwärts. Auch die Schmerzen nahmen zu, so daß ich mich kaum noch bewegen und auf der Seite schlafen konnte. Das hatte ein langsames Verpanzern zur Folge mit noch mehr Schmerzen. Mein Rücken fühlte sich an, als ob ich auf Katzenkopf-Pflaster gelegen hatte und eine Straßen-Walze über mich rübergefahren war.
Das machte Aaltje und mir natürlich zu schaffen, schon psychisch. Aaltje schlief die letzte Nacht auch nicht und vielleicht haben sich unsere Gedanken in der Weite des Raums getroffen, denn ich habe hier vom Bett aus einen wunderschönen Landschafts-Fernblick mit einer C.D. Friedrich-Färbung gestern Abend. Dazu sanfte Musik mit chinesischer Flöte in der Hörmuschel, und ich spürte, wie mir die Kontrolle langsam entglitt. Das wäre an sich kein schlechter Abgang gewesen, aber mit Gedanken an meine Familie, und auch mein Vater fiel mir öfter ein, verlor ich erstmal Humor und Fassung.

Heute Morgen wollte ich nun die Sache wieder in die gewünschte Richtung zwingen und versackte dabei in einem totalen Montag-Umorganisations- und Neuzugangs-Chaos (6). Auch der Wunsch, meinen total steifen Rücken mal mit Franzbrantwein einzureiben, verschwand einfach unerhört im Durcheinander. Das brachte mich so in Wut, daß ich spontan gesund wurde: Ich dehnte mich, streckte mich, nahm alle möglichen Haltungen auf Tisch, Stühlen und Bett ein, hörte Rockmusik in der Hörmuschel, wippte dazu mit den Beinen und stellte fest, daß die Schmerzen verschwanden, und ich mich immer besser fühlte. Dann duschte ich noch, heizte mit 1 Rollstuhl durch den Gang und saß quietschvergnügt auf meinem Bett, als Aaltje mit einer auf-alles-gefaßt-Miene ins Zimmer trat. Ich habe beschlossen, die Initiative nun an mich zu reißen – möglichst ohne dabei das TV-Gerät vom Wandregal zu treten – und die Station solange durcheinander zu bringen (meistens tun sie so, als ob sie es gut finden, wenn Patienten aktiv werden, tatsächlich ist aber das gemachte Bett das Wichtigste, ob mit oder ohne Patient spielt dabei keine Rolle), also solange hier Staub aufzuwirbeln, bis sie mich freiwillig entlassen. Dazu ist dieses Ausmaß an Inkompetenz und Lehre am halbtoten Objekt („Nein, Schwester, nicht 5 Lagen Kompressen, 2 reichen!") ein bißchen zu üppig. Ferner ist mein Bettnachbar Rudi Ratlos der größte Schnarcher, dem ich je lauschen mußte (Marke Löwenhaus im Zoo Hannover). Selbst wenn es mir gelingt, meine Schmerzen zu beherrschen, macht mir sein Grollen, gegen das selbst Ohropax nicht mehr hilft, das Schlafen unmöglich. Gerne läßt er auch sein Radio laufen und schläft ein. Ich darf dann das komplette Programm als Gequäke aus seinem Kopfhörer zuendehören.
Rudi Ratlos‘ Familie könnte von Botero gemalt sein: Keiner hat einen Hals, Kopf wie ein Seehund, der Körper als Tonne. Es ist unglaublich, wie sich eine offensichtlich unzureichende Art so reproduzieren kann. Und wieviel Mitleid muß man eigentlich mit einem 65jährigen Mann mit Riesen-Reißverschluß auf dem Bauch und Schleimlunge haben, der kürzlich noch 200kg wog und 30-40 Zigaretten am Tag rauchte. Was tun sich manche Menschen an? Gestern kam ein Neuzugang mit durchbrochenem Magen, der noch rauchte – der Mann.

Nun, es wird jetzt hart durchgegriffen. Was Rudi Ratlos betrifft, so werden wohl nur Schlaftabletten helfen, denn ich brauche jetzt endlich mal eine Heilschlaf-Entspannungs-Nacht. Dazu kommen noch Bohrarbeiten an den Beton-Decken bei voller Belegung. Es ist halt eine Kunst, dieses Krankenhaus zu überleben. Ich verstehe ja, daß die Schwestern überlastet sind, aber eine behinderte Zombie-Schwester zu beschäftigen, die schon vergißt, was man ihr gesagt hat, bevor sie aus der Tür ist, die wie ein Elefant trampelt, die Türen zuknallt und dabei ein lautes Organ hat, das allein schon eine Zumutung ist? Irgendwo beginnt da mein Selbsterhaltungs-Trieb. Nun denn, Kampf den Blinddärmen! VENCEREMOS!

(Damals hatte ich noch keine Ahnung von indonesischen Krankenhäusern.)

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