F wie Frühpension

Botero

Rudi hat son strammen Bauch mit nem Reiβverschluβ vorne drauf.
„Weil er vorher ganz leer war“, erklärt seine Frau.
Und die kleine Wasserversorgungs-Frau mit dem Strubbelkopf, deren Mann seit Jahren nur Nachtschicht in der Notaufnahme macht, kommt wieder mit den Getränken vorbei und meint, ich würde ja so viel lesen und wäre soo genügsam. Rudi darauf, denn Rudi, der frühpensionierte Bahnbeamte, der die Bombennächte von Hamburg im Stellwerk überlebte, der gesehen hat, wie die Straβenbeläge brannten, Rudi gibt immer einen Kommentar:
„Wer viel liest, weiβ viel, und Wissen ist Macht.“
Nun ja, welche Macht habe ich denn im Moment mit 2 Löchern im Bauch und entzündeten Augen in diesem Irrenhaus? Macht ist das Wissen um meine Machtlosigkeit, die Zufriedenheit zu leben und an einfachen Dingen Genuβ zu haben. Den Weg zu sehen bis zum Ende, die Richtung im Chaos. Trotzdem ist es schwer, in die Situation zu kommen, in der man alles zu verlieren scheint. Sägezahnfieber.
„Ssatzi, Ssatzi!“ droht Rudis Frau, denn jener ist sich schon so sicher über seinen Entlassungstermin. Dabei flutscht sein Darm, an dessen Ende nun 30cm fehlen, noch nicht so richtig. Aber der Schlieβmuskel, an den das Endstück angenäht wurde, funktioniert einwandfrei. Der war angeblich schon immer Spitze.
Rudi träumt davon, sich auf der Terrasse auf der Liege auszustrecken und zu beobachten, wie andere Leute arbeiten:
„Hehehe! Aber wir wollen uns ja nicht verrückt machen“, schränkt er ein.
„Wir haben Zeit für alles“, bestätigt seine Frau und hustet schwer aus der Tiefe ihrer verteerten Lunge unter ihrem breiten Busen.
„Die Birne aufe Terrasse iss kaputt.“
„Muβ ne 25er rein“, erklärt er.
„Klick“, ahmt sie das Schaltergeräusch nach, „war nix hell.“
Aber Rudi glaubt nicht, daβ noch ne 25er da ist, aber ne 45er ist zu warm: „Ja, ja! – Pfffhh!“
„Esistneunzehnuhrvierundvierzig!“ ruft der kleine Mann in Rudis Uhr. „Hehehe!“
„Hmmm“, schnurrt Rudi, als seine Frau ihn streichelt. „Pfffhh!“ (lautes Luftablassen)
Drauβen flöten Amseln, und irgendwo singen alte Diakonissen zu Gott.
Schwester Inge mit der starken Brille bringt Imeson Desitin Nr.5.
„Wolln Sie sich einen Bart stehen lassen?“
„Nö.“
„Ja und?“
„Nix und!“
„Die ist auch so frivol“, stellt Rudi fest.
Imeson Nr.5 ist mein sicheres Ausgleichsmittel, mein Albtraumkiller, gegen Schnarch- und Schmerzgeräusche, gegen Lungengeklucker und Amselflöten, traumlos und erfrischungsfrei. Darauf ist Verlaβ, und auf meine Frau. Ich habe wohl noch nie so präzise und gleichmäβig geschlafen wie mit Imeson Nr.5. Nacht für Nacht. 17 Nächte minus 2 Nächte schlaflos, aber da war ich noch Anfänger in Techno-Town. Ein Wunder, daβ ich überhaupt noch einen hochgekricht hab, neulich auf der goilen Padie, mit all der Chemie im Körper. Aber meine Frau meint, der Mäuseschlafsack wär gerissen, weil er zu eng gewesen sei. Vielleicht sollte ich mir die eine Nummer gröβer besorgen. XL oder so.
„To avoid, to avoid, to avoid celluloid“, höre ich Kurt Schwitters in der Gummimuschel meines Bettradios.
GEBT EURE PLATTITÜDEN AUF, SIE NÜTZEN NICHTS GEGEN METASTASEN! SCHALTET EURE MASCHINEN AB, EURE GEDÄRME SIND AM ENDE!

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