Bügeln ohne Betäubung

Wilhelm-Busch

Liebe Mutter!

Das war gestern wieder ein harter aber erfolgreicher Tag.
Nachdem es mit mir rapide bergab gegangen war, wurde ich im Rollstuhl zum Ultraschall-Gerät chauffiert (Die Leute kucken immer so mitleidig, wenn man im Rollstuhl sitzt.). Dort lokalisierte der fette Grieche, der mich auch operiert hatte, 2 Eiterstellen. Eine an der ehemahligen Blinddarm-Position und eine darüber, wie eine Sanduhr, in der Bauchdecke. Nun dachte ich, es geht wieder die ganze Mühle von vorne los. Aber nix da! Auf der schmalen, zu kurzen, unbequemen Liege wurde ich mal eben ohne Betäubung aufgeschnitten, ausgequetscht wie ein Makaroni und dann die Wunde offengelassen, bzw. mit saugfähigem Material gefüllt. Während dessen klammerte ich mich an der Liege fest, verdrehte und verkrampfte meine Füße so, wie das Wilhelm Busch gezeichnet hat, als dem Schneider in „Max und Moritz" von seiner Frau der Bauch gebügelt wird, und wäre am liebsten an die OP-Lampe gesprungen. Man hätte mir wenigstens ein Stück Holz geben können, in das ich dann meine Zähne gepreßt hätte. Danach bekam ich die Sonar-Fotos in die Hand gedrückt und durfte im Rollstuhl wieder auf Station fahren. Aber es ging dann auch prompt aufwärts, das Fieber zurück und ich war richtig erleichtert – bis zum Abend. Da kam der Professor und meinte: „Das müssen wir noch noch tiefer schneiden. Das tut ja doch nicht weh." Aber nein doch, fast überhaupt nicht. Wahrscheinlich alles nur Einbildung. Na ja, ich habe auch das überstanden.

Heute geht’s mir wieder ganz prächtig, und wenn das Fieber nicht wiederkommt, handelt es sich jetzt nur noch darum, die Wunde schön sauber zu halten und von innen her zuwachsen zu lassen. Was natürlich die Sache verzögert.
Interessant war auch, daß der Professor wieder damit anfing: „Ja, wenn Sie vor einem halben Jahr auf mich gehört hätten …" Da ist mir dann doch der Kragen geplatzt. Erstmal war es vor etwa 2 Jahren, und ich antwortete:
ICH habe SIE aufgefordert, das Ding rauszuschneiden, aber Sie wollten nicht, weil kein Fieber da war!"
Da hub er zu einer längeren wissenschaftlichen Ausführung an, deren wenig trostreiches Ergebnis war, daß nach 10-15 Jahren 10-15% der Blinddarmoperationen Komplikationen zur Folge haben. Dieses Risiko ändert sich nicht beim durchbrochenen Blinddarm, und man geht es heutzutage ungern ein, wenn es nicht eindeutig der Blinddarm ist. Blinddarmoperationen haben überhaupt den höchsten Prozentsatz an Spätfolgen. Das ist natürlich eine Information, die ich lieber nicht bekommen hätte, denn ich war bisher davon ausgegangen, das dieses verdammte Problem nun endgültig erledigt ist. Man muß schon zugestehn, daß der Mann seine Gründe hatte, zumal mein Blinddarm ein besonders mysteriöser war – wie könnte es auch anders sein. Und dann sind Infektionen bei Bauchoperationen hier wirklich Routine, besonders auf der Gynäkologie, und werden locker und souverän gehandhabt. Und wenn man die fein hierarchischen Strukturen einmal begriffen hat, daß man nicht jedem, der kommt, alles sagen kann, sondern – wie im Gymnasium auch, wo jeder Studiendirektor seinen bestimmten Arbeitsbereich hat – dann läßt es sich hier schon aushalten. Nachts wird dann eben regelmäßig sediert. Das funktioniert prima, aber sie könnten ruhig noch etwas Psychedelisches reinmixen.

Heute will ich mal heimlich zum Krankenhaus-Friseur ausbrechen. Die werden staunen, wenn ich plötzlich keine Haare mehr habe. Wenn ich vorher frage, weiß ich schon, was ich für eine Antwort kriege. Wie in der Schule: Bloß nich zuviel fragen!

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