Nich umgekippt

Holbein-Predella

Liebe Mutter! Lieber Herr Strauß!

Alles läuft gut. Kein Fieber mehr, Stuhlgang normal. Appetit gut (das Essen ist vorzüglich), und der Schlaf mit Hilfe deutscher Chemie perfekt.
Vorhin habe ich das 1.Mal gebadet. 1 Schwester, 1 Ärztin und ich splitterfasernackt (Was splittert denn da?). Erstmal alles rausholen aus der Wunde, was da noch drin ist (sieht aus wie beim Fleischer) und dann rein in die Wanne. Ordentlich einweichen.
„So, und jetzt werden wir mal mit dem Finger die Wunde schön reinwaschen", sagte die Ärztin und schob ihren Gummihandschuhfinger etwa bis zum Mittelgelenk in meinen Bauch. Ich dachte, sie würde auf der anderen Seite wieder rauskommen. Ich selbst benutzte dann doch lieber eine große Spritze, schob sie mir rein und spülte den Spalt aus. Allgemeines Erstaunen und großes Lob bekam ich zum Schluß, weil ich bei dieser Gelegenheit nicht wie gestandene Mannsbilder (Schlachter, Bauern, usw.) umgekippt bin. Meine Reaktion schien also mal wieder außerhalb der Reihe. Trotzdem werden mir Schlachtereien auch weiterhin widerlich bleiben.

Na und dann meine Undercover-Frisör-Aktion gestern. Das hat echt Spaß gemacht. Die Reaktion der 1. Schicht hab ich schon hinter mir. Heute nun die 2. Schicht. Manche hielten mich für einen Neuzugang, aber alle waren begeistert. Was darauf hinweist, das ich sicher total bekloppt aussehe.

Gestern kam noch der 2. Sohn von Rudi Ratlos zu Besuch. Er ist Koch in Venezuela. Nun dachte ich mir ja vorher schon, wie der wohl aussieht, und genau so war es dann auch. Zum Glück haben die Türen hier Überbreite. Aber für ein Gruppenfoto der ganzen Familie bräuchte man auf jeden Fall ein Weitwinkelobjektiv.

Der Professor fährt übers Wochenende zu einer Tagung. Er hat nämlich ein Gerät entwickelt, mit dem man Blinddarm-Operationen und ähnliches von innen her, ohne die Bauchdecke zu öffnen, bewerkstelligen kann. Ich weiß zwar nicht, wie das laufen soll, aber es wird hier im Haus bereits erprobt. Zum Glück nicht an mir. Außerdem geht das beim geplatztem Blindarm nicht. Also der Mann hat schon was auf dem Kasten.

Gestern Abend haben sie wieder plötzlich die Musik im Radio unterbrochen, damit irgendsoein Leiersack in der Krankenhaus-Kapelle sein Gesabbel von sich geben kann: „Und nun laßt uns beten, wie Jesus Christus uns das vorgeschrieben hat!" Na denn mal los! Dabei bin ich Jesus mit meiner Bauchwunde sowieso schon sehr ähnlich, nur sitzt sie bei mir etwas tiefer, und jeden Tag wühlt einer drin rum. Das geht ziemlich auf die Nerven, und es kann noch 1 ganze Woche so gehen. Na ja, irgendwann muß mal Schluß sein mit die Nerverei, und dann gib’s nur noch eins: MODERATTFAHN!
Ansonsten sehen meine Arme und Oberschenkel wie bei einem Junkie in der Bronx aus.

Schiet! Jetzt habe ich keinen Briefumschlag mehr. Also nur noch geerbte Postkarten.

Hans Holbein d. J., „Leichnam Christi im Grabe", 1521

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