J wie Jehova

Glaubenszwang

Weiβmanns Stimme: „Die Unglücklichen, die von der Gesellschaft Verstoβenen, sind so geworden, weil sie an allem nur das Schlechte, die Fehler, die Schatten, das Leidvolle sehen. Sie sehen keine Rosen, sie sehen nur Dornen. Und dann wundern sie sich, daβ die Dornen sie stechen. (Weiβmanns Stimme wird leiser bis zum Flüstern) Du bist ein Glückspilz! Glück und Erfolg sind in Dir! Glücklichsein ist unsere Pflicht! Nur der bejahende Mensch ist stark! Zähe Beharrlichkeit kennt keinen Miβerfolg! Selbstvertrauen bringt Erfolg! (leise beschwörend) Dein Erfolg hängt von deiner inneren Haltung ab!“
(„Die süβe Soβe deiner Worte tropft verschimmelt dir vom Kinn.“ Picasso)
Assistenzarzt Vage mit im Zugwind sich blähendem weiβen Kittel die fahrbare Kommode mit dem Verbandsmaterial hereinschiebend:
„Leider erleben und fühlen heute nur wenige den Gott in sich und leben ein tierisches Dasein. Und Fuβball finde ich ja überhaupt sowas von schwachsinnig.“

So, jetzt nehme ich meinen Bewuβtseinskiller Nr.5, und ihr könnt mich alle mal! Besonders die dusslige neue Nachtschwester, deren Mann Maurer ist, und die uns erzählt, nachdem sie uns die Trombosespritzen in die Oberschenkel gejagt hat, daβ ihr Mann erst um 22:00Uhr richtig wach wird, während sie einschläft. Wie interessant! Ich wollte schon fragen, wie das denn mit dem Ficken klappt, aber det jet ja nu ma nich. Dagegen war der Todesengel, der als Schatten mit erhobener Spritzenhand vor dem beleuchteten Flurausschnitt heranschlich, lautlos, der mir nachts den Darmkoliken-Beruhigungs-Kümmeltee brachte, noch die geballte Intelligenz und Liebe.

Höre ich in der Gummiohrmuschel den jungen Prediger mit Morbus Bahlsen, diesen Stümper, der 2x so stockt, daβ er momentan nicht weiterweiβ, so reden?
„Gott ist das Gesetz der Harmonie, das uns als Naturgesetz alle Tage seine Unbeugsamkeit bekundet. Menschschliche Gesetze erleben stets einmal den Augenblick, wo sie überholt, veraltet, abbauwürdig werden. Das göttliche Gesetz nimmer mehr. Niemand kann verhindern, daβ ein 1000Zentner Felsblock, der sich im Hochgebirge löst, talwärts saust, daβ ein Schuβ durchs Herz den Getroffenen tötet.“
Du wirst gleich gemerkt haben, daβ der evangelisch-lutherische Luftikus in der Glasbruch-Kapelle so nicht gepredigt haben kann, denn das klingt verdammt nach Pantheismus, und da iss der Teifi drin. Aber soll ich auch noch mitschreiben, was dieser Gaukler da runtergeleiert hat, weswegen sogar die Musik plötzlich unterbrochen wurde? Da könnte ich ja auch gleich als Reporter des Satans am Missionsfest im Moor teilnehmen. Und ist es nicht alles der gleiche Senf, den sich diese Heiligen auf ihre ewige Körriwuast schmieren? So ham wir wenigstens auch Gott und seine Stellvertreter auf Erden in dieser Geschichte, denn der ist in einem konfessionell beherrschten Diakonie-Krankenhaus, mit 3 in Plastikfolie kaschierten Bibeln in jedem Zimmer, halt immer im Regal überm Krankenbett dabei. Buddhisten werden nicht eingestellt, Juden nur ausnahmsweise. Doch man lebt gut von Steuergeldern.
Aber ihr schwarzen und weiβen Marionetten macht das schon richtig. Haltet uns, die wir uns nicht mehr zu helfen wissen und die Kontrolle verloren haben, am Leben, und wir zappeln an den Fäden der Chemie, hängen zwischen geheimnisvollen Wodu-Ritualen, Spritze, Katheter, Tropfflasche für künstliche Ernährung an „Frieda“, und nicht zu vergessen die grüne, durchsichtige Lungendruck-Prüfmaschine zusammen mit etwas Bewegungstherapie.
„Frieda“ ist nicht die Zombie-Schwester, sondern an „Frieda“ hängt man Tropfflasche und/oder Urinbeutel, um sich dann besser auf den Gängen in dieses ewige Auf und Ab, Auf und Zu, Kreuz und Quer mischen zu können. Die Zombi-Schwester dagegen kommt ins Zimmer geschlingert und fragt mit ihrer schrillen Behinderten-Stimme:
„Hat noch irgendwer irgendwelche Schläuche oder Beutel am Körper?“ Was ja für eine Zombi-Schwester ein zwar routinierter jedoch schwieriger Satz ist. Weil sie ihn aber nun schon etwas zu oft gefragt hat, obwohl wir in dieser Hinsicht schon längst nichts mehr zu bieten haben, wollte ich ihr den Schlauch von meinem Ohrhörer geben, aber Rudi forderte sie auf:
„Sagen Sie mal vorne Bescheid, daβ ich ein neues Set zum Lippenbefeuchten brauche!“
„Klar“, stammelt die Zombi-Schwester, „ich sach Bescheid: BESCHEID!“
Rudi kennt den Witz anscheinend nicht: „Ja, sagen Sie mal bitte Bescheid!“
BESCHEID! schrillt die Zombi-Schwester und schwankt aus unserem Zimmer.
Drauβen dröhnt ein Moderatt vorbei.
Es folgen 6 Lieder von Johannes Brahms: „Mit 40 Jahren ist der Berg erstiegen, wir stehen still und staunen.“
Immer diese Anspielungen!

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Ein Gedanke zu „J wie Jehova

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