Gegen Gewalt?

begriffen

„Jeder Mensch, mag er Christ sein oder nicht, neigt zur Gewalt. Lediglich der Gebrauch, den er davon macht, ist verschieden." Frère Roger, „Die Gewalt der Friedfertigen", 1968

Die hochentwickelte, warenproduzierende Massengesellschaft führt bei durchaus zufriedenstellenden materiellen zu immer unpersönlicheren sozialen Verhältnissen. Konkrete Individuen werden in der total regulierten Arbeits- und Freizeit-Welt zu Charaktermasken, zu Personifikationen ökonomischer Zustände, indem sie deren Verhaltensangebot verinnerlichen. Eine Ausbruchsform aus dem Gefühl von Zwang und Ohnmacht sind für Heranwachsende gewaltorientierte, emotional geprägte Jugendgruppen, deren Programme austauschbar sind. Solche Gruppen gibt es in archaischen Stämmen ebenso wie sie heutzutage beständige Phänomene in allen hochentwickelten Industriegesellschaften sind. Schon damit erhebt sich die Frage, ob man sich mit deren „Überbau" ernsthaft oder nur als hormongesteuertes Wachstumsproblem auseinandersetzen sollte. Erschwerend kommt in der modernen Medien-Gesellschaft dazu, daß solche Phänome in den Massenmedien wiedergespiegelt, ihnen künstlich überhöhte Bedeutung gegeben und deren Rituale dadurch verstärkt werden. Dagegen kommt die Schule mit jahrzehntelanger Indoktrination gegen Faschismus nicht an. Im Gegenteil! Manche Jugendliche rutschen schon aus pubertärer Anti-Haltung in die rechte Gewalt-Szene – oder wahlweise in die linke. Jede Straßen-Gang braucht einen Feind, der ihrem Wirken Sinn gibt: rechts braucht links und umgekehrt.
Der moderne Linksintellektuelle hat seine Lektion aus dem III.Reich gelernt: Man muß rechtzeitig etwas tun! Aber was?
Als Alternative zum Kartoffelfest denkt sich der Kleinstadt-Intellektuelle eine „Kulturwoche gegen Gewalt" aus. Wahlkampf und Imagepflege sind zwar verdächtig nah und auch der Eindruck von Profilierungs-Bedürfnis dilletierender Engagierter, aber grundsätzlich ein interessanter Beitrag gehobener Unterhaltung: Kant-Lesungen, Sprachanalyse, Musik der Romantik, Großflächenplakate mit Appellen, die aus der Werbung stammen könnten („Come together"/Styvesant, „Seid nett zueinander"/Bild-Zeitung) sind gegen Gewalt so wirksam wie Gebete. Selbstbespiegelung und -zerfleischung, die zur Show arrangierte übersensible Psyche („Gewalt ist, wenn ich …") reduziert das Problem auf ein sich selbst sezierendes Hirn. Solche Aktionen verharren im Bereich der Meinungsbildung. Hier bestätigen sich schulterklopfend Linksintellektuelle gegenseitig, ohne praktisch-politische und organisierte Konsequenzen für den wirklich Betroffenen. Dabei ist schon der Begriff falsch definiert: Tatsächlich ist Gewalt existentieller Bestandteil von Leben, ebenso wie Anpassung und Fleischverzehr, und wird von demokratisch legitimierten Exekutiv-Organen ebenso angewandt wie von Asozialen. Wovon ist also die Rede?
Betroffene wissen das genau, Horror ist konkret. Der ständig Attacken fürchtende Ausländer, dessen Probleme von der durchaus gutwilligen, schweigenden Mehrheit in D oft nicht bemerkt und schon gar nicht nachempfunden werden können, möchte sich lieber ducken, weil er spürt, wie allein er mit seiner Angst in einer fremden Gesellschaft ist.

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