Braune Suppe

heilich

Leserbrief an die Kreiszeitung (13.9.1990):

Nicht, wie zu lesen war, eine Abnahme von Gewaltaktionen ist als Folge der „Kulturwochen gegen Gewalt" zu erwarten, sondern hier wird die braune Suppe kräftig umgerührt, und – oh Wunder – es steigen widerlich stinkende Blasen auf.
22 Jahre lebte meine Frau, die Ausländerin ist, unbehelligt in R.. Wie zufällig wird sie kurz nach Beginn der „Kulturwochen" vor dem Kaufhaus „Kramer" im Vorbeigehen an einer Gruppe Jugendlicher von einem Faustschlag heftig am Kopf getroffen. Der Jugendliche entschuldigt sich in unangemessener Weise. Sein Kumpan darauf: „Ist doch nicht schlimm, ist doch nur ’n Ausländer." Und zu meiner Frau: „Verzieh dich!"
Als ich mich aufmache und später den Kumpan zur Rede stelle, kommt nicht viel mehr als ein Bekenntnis heraus, daß er generell etwas gegen Ausländer hat.
Glauben die Veranstalter der „Kulturwochen" wirklich mit ihren Aktionen etwas verändern zu können? Handelt es sich hier vielleicht auch um Wahlkrampf, dessen Folgen gerade die Mitbürger ausbaden, die eigentlich geschützt werden sollen? Es ist nicht die Lehre aus den Auseinandersetzungen mit der NPD in den 60er Jahren, daß die Rechtsextremisten durch linke Randale und sog. Aktionen zurückgedrängt wurden, sondern sie sind einfach nicht gewählt worden. In R. dagegen machen sich linke und rechte Gruppierungen gegenseitig heiß und werten sich dadurch auf.
Deshalb: Veröffentlichen Sie Ihre Erfahrungen mit dem Rechtsterrorismus, aber erwarten Sie keinen konkreten Schutz von Ihren Mitmenschen, denn die sind beim Matjesessen! Gehen Sie lieber zu einem Selbstverteidigungskurs als in eine Kunstausstellung zum Thema „Gewalt"! Nehmen Sie die Schutzpflicht des Staates in Anspruch, auch wenn Sie von Kreis-, Stadtdirektor und Verfassungsschutz im Stich gelassen werden! Halten Sie sich nicht vornehm zurück, sondern decken Sie terroristisch aktive Jugendliche mit Anzeigen ein! Nur so ist die Polizei in der Lage, sich einen Überblick zu verschaffen und diese Personen zu identifizieren. So verstehe ich „Gegen-Gewalt".

Thomas Dobat

Als ich ihn zur Rede stellte, hatte ich meine schwärzesten Rocker-Motorrad-Klamotten an und gleich die biologische Fluchtdistanz jenes „Kumpans" unterschritten. Der blieb so defensiv, daß ich ihn leider nicht zusammenschlagen konnte – ich war in der richtigen Stimmung dafür. Aber zum Abschied murmelte er etwas von seinen „Freunden", mit denen ich es noch zu tun haben würde.
Die Polizei war hilfsbereit und konstruktiv. Sie sammelte bereits Informationen über diese Burschen und beklagte sich darüber, daß solche Vorfälle meist nicht angezeigt werden. Eins der Grundübel meiner derzeitigen Existenz in Indonesien, wo immer „12Uhr mittags" ist.
Und bitte, WANN drohte jemals in der Geschichte der BRD eine Machtübernahme von rechts. Rückblickend betrachtet, war das immer Propaganda um links zu wählen. Von verschlafenen Schlafdörfern mit einer sehr übersichtlichen Anzahl von Gewalttätern oder von jenem Maulhelden vor dem Supermarkt in der sonst ebenso schlafenden Kreisstadt? Ich hätte den Burschen für 1 Italiener gehalten, jedenfalls kein Arier. Aber der aufgeweckte Provinzler muß sich ab und zu blähen und spreizen, um nicht auf der Landkarte übersehen zu werden. Und der letzte Kommunist im Stadtrat muß eifrig unsere Vergangenheit aufarbeiten, damit wir sie/ihn bloß nich vergessen. Gewalt ist, wenn der Kunstverein einen Brunnen … Nein, das führt jetzt wirklich zu weit!
Gewalt ist, wenn die Erdgas-Bohrfirma Pracla-Seismos gegen Geld den Naturschutz übernimmt. Nein, das kann auch nich als Definition dienen, denn dann hätte es ja eigentlich einen Bauernaufstand geben müssen, als unser Moordorf sein neues Wahrzeichen bekam. Wo die Bauern doch solche Naturfreunde sind.

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