Kriegsberichterstattung

Gewaltpodium

Kreiszeitung vom 14.12.1990:
Podiumsdiskussion über Gewaltproblematik
Leistungsgesellschaft läßt für viele Jugendliche keinen Platz, ihre Fähigkeiten zu entwickeln

„Das Thema Gewalt, mit dem wir es hier zu tun haben, ist nicht nur ein Jugendproblem, sondern spiegelt Probleme und Grundwidersprüche der Gesamtgesellschaft wider", resümierte J.G., Leiter des Jugendzentrums, im Verlauf einer Podiumsdiskussion, die gestern vor rund 200 Zuschauern in der Aula des Gymnasiums stattfand. Die Schülervertretung hatte die Veranstaltung mit dem Ziel organisiert, einen Beitrag zu den Fragestellungen zu leisten, wie und warum Gewalt entsteht und wie mit der herrschenden Gewalt umzugehen sei. Aktueller Anlaß für die Diskussion waren die gewalttätigen Ausschreitungen von Jugendgruppen gegenüber ausländischen Mitbürgern sowie Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums. Die Podiumsteilnehmer näherten sich der Thematik Gewalt in drei Schritten: Ausgehend von der persönlichen Betroffenheit, über Erklärungsmuster für das Entstehen von Gewalt bis hin zu Lösungsmöglichkeiten. Unterschiedliche Standpunkte und theoretische Erklärungsversuche wurden verständlicherweise immer wieder von der persönlichen Betroffenheit der Teilnehmer überlagert. Patentrezepte, wie mit dem Problem Gewalt umzugehen sei, konnten und sollten nicht entwickelt werden, Denkanstöße wurden aber zuhauf gegeben.
K.-H.N. von der Kriminalpolizei V. betonte, daß die Jugendlichen, die sich Gruppen wie den „Grauen Wölfen" anschließen, durchweg aus einem schwierigen sozialen Umfeld stammen. „Sie haben Probleme in der Schule oder in der Lehre und finden in der Familie keinen Rückhalt. Ihr gewalttätiges Verhalten dokumentiert Hilf- und Perspektivlosigkeit", erklärte N.. Sie schließen sich Gruppen an, die platte Erklärungen für die unbefriedigende soziale Situation anbieten und Gewalt als Lösungsmöglichkeit akzeptieren. Diese Jugendlichen repräsentieren die Kehrseite unserer extremen Leistungsgesellschaft, so N. weiter. Sie fallen aus der Gesellschaft heraus, weil sie den Leistungsanforderungen nicht gewachsen sind. „Das Verhalten der Jugendlichen erklärt sich aus ihrer persönlichen Situation heraus, es steckt keine ernsthafte politische Motivation dahinter", so der Kripo-Beamte. Ein Zuhörer hielt ihm entgegen, daß sich gerade diese Jugendlichen sehr leicht vor einen politischen Karren spannen lassen. „Wenn ein Michael Kühnen kommt, ihnen den Weg zeigt und Orientierung gibt, folgen sie ihm", erläuterte der Schüler.
H.G., Hauptschul-Lehrerin, betonte, daß immer ein ganzes Bündel von Gründen Ursache für die Hinwendung von Jugendlichen zur Gewalt sei. Fehlende emotionale Zuwendung im Elternhaus, Selektionsmechanismen in der Schule sowie ein Fächerkanon, der nicht an den Bedürfnissen der Schüler orientiert sei, führen zu Frustration und machen die Jugendlichen anfällig für gewalttätige Lösungsstrategien.
J.G. ergänzte, daß die Heranwachsenden in den Gruppen Bindung und Orientierung suchen, die ihnen zum Beispiel in der Familie fehlen. „Außerdem ist es für viele ein gutes Gefühl, Macht auszuüben", hob der Leiter des Jugendzentrums hervor.
Mit dem Lösungsvorschlag Gewalt mit Gewalt zu beantworten, Selbstverteidigungskurse als Schulfach einzurichten, sah sich Thomas Dobat, Kunsterzieher am Gymnasium, scharfem Widerspruch ausgesetzt. „So wird Gewalt nur durch Gegengewalt legitimiert", hieß es aus dem Publikum. Gegengewalt biete nur kurzfristige Scheinlösungen. Es komme aber darauf an, sowohl kurzfristige als auch langfristige Lösungsstrategien zu entwickeln. Diskussionen im Schulunterricht, aufeinander zuzugehen, miteinander zu sprechen, sich gegenseitig kennenzulernen. Vorurteile und Dünkel abzubauen seien erste Schritte in diese Richtung. Perspektivisch sei das Übel aber an der Wurzel zu packen, so H.G.. „Die Schule muß zum Kulturzentrum werden, in dem die Schüler auch Freude empfinden. Zusätzliche Lehrer und Sozialarbeiter sind einzustellen. Das bedeutet natürlich Kosten, aber es ist zu überlegen, ob frühzeitig Gelder investiert werden, oder später, wenn es nichts mehr nützt", erklärte die Pädagogin.

Wunneba! „Es gibt keine schlechten Schüler, es gibt nur schlechte Lehrer", hatte mal der Obermusikdirektor der Stadt abgesondert. Abgesehn davon, daß nur 3 von 7 Vortragenden im Artikel zitiert werden, nenn ich das Tendenz-Journalismus. Daß ich dort erklärtermaßen eine heftige Gegenposition einnahm, weil Diskussion und Publikum einzuschlafen drohten, weil die süße Soße der Sanftheit die Mikrofone verklebte, wird verschwiegen. Diese gewerkschafts- und sozialdemokratisch dominierte Weicheier-Versammlung (so hab ich mich natürlich nich ausgedrückt, sondern ich ließ nur durchblicken, daß ich so dachte) war dermaßen trostlos – besonders der Polizeipsychologe, der noch weit unterhalb des konstruktiven Verhaltens seiner Kollegen vor Ort blieb – daß die Diskussion im Geseier der Biedermänner und -frauen über „die Gesellschaft hat Schuld" unterging, und die Opfer mal wieder zu Tätern uminterpretiert wurden. Dabei war der Initiatorin der „Kulturwochen" (ganz rechts) der Sohn zusammengeschlagen worden. Aber sie schien andere Ideen über Konsequenzen zu haben, als ich. Und ich bekam nicht nur den von mir bewußt provozierten heftigen Wider- sondern ebenso heftigen Zuspruch – sogar noch nach der Veranstaltung, weil ich die Angelegenheit aus der Opfer-Perspektive anging und jenen Möglichkeiten der Verhaltensänderung aufzeigte. Das einzig Konkrete in all dem standardisierten Gelaber. Faszinierend war, daß bald darauf Selbstverteidigungs-Kurse auch an Schulen angeboten wurden – aber natürlich nicht an unserem Musical-Gymnasium.
Damit Schüler „auch Freude empfinden", sollte man ihnen wenigstens 1x im Jahr erlauben, ohne Hose zur Schule zu kommen.

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