Gegengewalt

Gegengewalt

„Ich bin immer töricht gewesen, an das Gute im Menschen zu glauben." Paul Gauguin

Das war wirklich töricht von ihm, wie sein Ende zeigte, und so ging es mir nur, solange ich jung war. Inzwischen hat sich da zu viel negative Erfahrung angesammelt. Besonders schockierend und ungerecht fand ich immer, das manche Menschen mit Lust gewaltätig sind – ein Punkt, an dem für mich jede verständnisvolle Diskussion endet. Da rüste ich mich zur Gegenwehr. Das habe ich von meinem vernünftigen Vater gelernt. Ich weiß heute, daß es die beste psychologische Hilfe für solche Menschen ist, sie in den Staub zu stoßen. Danach läßt sich besser reden.
Den hart-elastischen Rattan-Teppichklopfer, mit dem mich meine Mutter zu schlagen pflegte, habe ich noch lange aufbewahrt, ihn aber nicht mehr nach Indonesien exportiert. Meine Reaktion damals war das Sammeln von archaischen Waffen, die immer griffbereit lagen. Bevor es jedoch mit zunehmendem Alter zum Gegenschlag kommen konnte, verlegte sich meine Mutter auf psychologische Kriegsführung.
Ich hatte das Pech, in unserer Straßen-Gang, die sich mit der Gang der nächsten Straße gelegentlich in sinnlosen, aber heftigen Schlachten austobte, der Jüngste und Letzte in der Hackordnung zu sein. So stand ich eines Tages mit dem Rücken zur Hauswand, und der Rest der Gang hetzte 1 kleines Mädchen auf mich, um zu sehen, ob ich mich wehren würde. Mein Vater beobachtete zufällig den Tumult und knallte dem Anführer eine. Jener wiederum lauerte mir danach tagelang auf dem Schulweg auf, und obwohl ich Umwege ging, schnappte er mich und gab’s mir zurück.
Als ich etwas älter und in der Hackordnung aufgestiegen war, wollte ich auch mal Macht ausüben und stellte 1 fremden Jungen in unserer Straße zur Rede. PANG! knallte der mir seine Faust auf die Nase, die sofort blutete, so daß ich kampfunfähig war. Der Junge, zwar kleiner und jünger, lernte gerade Boxen. Danach unterhielten wir uns noch eine Weile ganz vernünftig.
Solange ich jung war, hatte ich viel Angst. Ich erinnere mich an die Situation in einem Klassenzimmer voller pubertierender Idioten, in dem die 2 größten in den Bankgängen patrouillierten, sich ab und zu Mitschüler griffen und uns von hinten so zusammenpreßten, daß einem die Luft wegblieb. So zum Vergnügen. Ich bedaure noch heute, daß ich immer nur hoffte, sie würden sich einen anderen greifen, anstatt ihnen zum ewigen Andenken das Nasenbein zu brechen oder sie ein bißchen aufzuschlitzen. Der eine, Sohn eines Staatsanwalts, wurde dann noch ein ganz freundlich-vernünftiger Bursche. Vielleicht hat sich durch die Ungerechtigkeit in solchen Erlebnissen, die stark prägend sind, mein schwaches Aggressionspotential langsam in eine latente Wut verwandelt (Ich verspüre sogar noch Wut, wenn ich darüber schreibe!).
Jahre später ging ich mit meinen Eltern zum Jahreswechsel eine Straße entlang, als uns mehr oder weniger zufällig Jugendliche Knallkörper vor die Füße warfen. Und PATSCH bekam einer der Burschen umgehend von meinem Vater eine geknallt. Doch diesmal griff der Lümmel meinen Vater an. Mit einem Sprung war ich auf Nasenlänge zwischen ihm und meinem Vater, worauf er auf weitere Aktionen verzichtete.
Richtig in Fahrt kam ich zum 1.Mal als Kunststudent. Wir schlenderten zu viert (die Buntstiftmafia + 1 Kommilitonin) durch die nächtlich leere Innenstadt, als sich plötzlich 1 junges Mädchen mir in den Weg stellte und vor ihren 2 Begleitern beschützt werden wollte. Sie bat uns, daß wir sie mitnähmen. Während sie mir sogar ihren Paß zeigte, beobachteten ihre älteren Begleiter uns von der anderen Straßenseite. Als wir mit dem Mädchen weiterzogen, griffen sie uns an. Obwohl ich auf ihn vernünftig einzureden versuchte, schlug mir der kleinere mehrmals ins Gesicht. Da stellte ich ihn mit Schlägen ruhig und griff den größeren an, der Freund des Mädchens, der inzwischen meine 2 Mit-Mafiosi ohne deren Widerstand einfach weggejagt hatte. Auch der größere schlug mir mehrfach ins Gesicht, wobei ich in der weitgehenden Dunkelheit nur etwas blitzen sah. Erst hinterher erfuhr ich, daß es ein Messer gewesen war, mit dem er mich unwesentlich am Hals verletzte. Aber ich hatte rechtzeitig meine Brille abgesetzt und war so rasend über seine Hinterhältigkeit, daß ich ihn einfach voller Wut mit Schlägen zurücktrieb.
Ich kann nicht sagen, wie das geendet hätte, wenn mich nicht die Kommilitonin zurück- und wir alle ohne Hast abgezogen wären.
Abgesehn vom tiefen Einblick in die tierische Psyche des Menschen haben mich 2 Phänomene dieses Vorfalls nicht mehr losgelassen: die folgende sehr weibliche Reaktion meiner Kommilitonin gegenüber mir als „Helden" (Hallo Tina!), und daß wir anfangs eigentlich 3 gegen 2 Männer gewesen waren.
Als Reaktion bestellte ich mir 1 Gaspistole (s.o.), die vorne sehr deutsch verschlossen war, und unter der 6 eine Öffnung aufwies, die das Gas demokratisch auf Schütze und Angreifer verteilte. Deshalb half mir 1 Mitkünstler in der Metall-Werkstatt der Kunsthochschule die Lauföffnung aufzubohren. Die obere Öffnung verschloß ich mit 1 Schraube (Angewandte Kunst). Wie wir im anschließenden schmerzhaften Schuß-Test auf die Hand meines Kommilitonen feststellten, kam nun der heiße Wachsverschluß der Patrone zusammen mit dem Gas aus dem Lauf und war somit durchaus geeignet, jemandem nachhaltig die Augen zu beschädigen. Mit der Waffe in der Jacke ging ich mehrere Nächte durch die Innenstadt, in der Hoffnung, diese Schweine wiederzutreffen – leider ergebnislos. Zum Einsatz kam der Revolver nie.
Ich würde nicht behaupten, daß sich Waffen grundsätzlich zur Konfliktlösung eignen. Ebenso wie sie hilfreiche Werkzeuge sind, können sie Kampfsituationen auch eskalieren.
Es geht nicht um die Frage, wehrhaft oder gewaltlos (An welch funktionierendem Modell können wir uns da orientieren?). Es geht darum, wie die Programmierungen aussehen, die andere in deinem Hirn unaufgefordert hinterlassen, und die du ein Leben lang mit dir rumträgst.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Gegengewalt

  1. Pingback: Trost | Flaschenpost

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s