Der Shuriken im Floppyschlitz

Jahrbuch-3

FZIIIPLTING! FAVOOMP!" stöhnte PC II „VICTOR micro" und ließ das mit STAR-WRITER-TURBO-Programm im A-Leistungskurs Deutsch getrichterte und zentrierte Morgenstern-Gedicht abstürzen. Wie damals in den 90er Jahren die Salami in den Pausenbroten, steckte ein Wurfstern im Floppyschlitz des Terminals von Schüler Nr. 4711. Hätte er bloß nicht die RETURN-Taste gedrückt! Gab es wirklich ein ZURÜCK auf diese Weise?? Das konnte doch nur wieder jener NOTEC Nr. 0815 in der Reihe hinter ihm gewesen sein. Während der Pause, als er seinen Arbeitsplatz kurz verlassen hatte, um sich eine NEUFIT-Tubenration reinzudrücken. Gewalt gegen Computer, das war doch eine OLO-Masche dieser F-Stufen-Versager, die von einer mächtigen Wiedergeburt alter Ideale träumten. Im A-Kurs „Rückblick" hatten sie sich noch kürzlich alte, abgespeicherte Virentexte angesehen: „Fortschritt befreit von Wirklichkeit" war da auf dem Screenmodul zu lesen oder „Die sinnliche Dichte der Welt verschwindet. Wir fordern das Erlebnis des ursprünglichen Denkens! Weg mit der Echtzeit!! gez. DIE SCHÄDLINGE" und ähnliche OLO-Spinnereien. Wie kam dieser NOTEC überhaupt in die A-Stufe? Was ging in dem bloß vor, wenn er jetzt auch so tat, als ob nichts geschehen war und sich in seinen Interstuhl ERGOLIFE, mit dynamischer Beckenstütze und gewichtsabhängiger Feinregulierung, abduckte.
Jedenfalls würde das Ärger mit dem EFFEX (effektiver Experte) des Leistungskurses geben, der schon, dunkelbunt im Gesicht, mit langen Schritten durch die Tischreihen auf 4711 zucurste. Wenn er sich jetzt nicht rechtfertigen konnte, würde er zur Resozialisierung sicher eine Eurhythmie-AG für auffällige A-C-Schüler belegen müssen, um wieder „locker und fröhlich" zu werden. Ihm hatte schon der TAO-Tanzkurs bei Frau Schlinger-Tumann im letzten Jahr gereicht, wo er die 5 Wandlungsstufen menschlichen Bewußtseins erlernen sollte, aber nur bis Stufe 2 gekommen war. Dann schon lieber zu DUSTY, dem „ff-Buddha" (fett & fröhlich), der im Meditationscenter „Richtig atmen" (Basic-Methode) unterrichtete. Allerdings nur A-Stufen-Schüler. DUSTY hatte seinen Spitznamen bekommen, weil er immer betonte, daß ihre Kultur Staub im Wind sein würde, wenn erst die letzte Tonne fossiler Brennstoffe verglüht wäre.
Auch liefen die neuen BIO-Exkursionen für Insider nicht schlecht. Der leitende ECHTPROFI hatte über ein interaktives, kompatibles Programm einen Tip der hiesigen Ortsgruppe der WILDMEN bekommen, daß sie im Planquadrat FÖ27 des die Provinzstadt umgebenden Waldgürtels einen Baum mit einem Stammdurchmesser von sage und tippe 1m entdeckt hatte, der offensichtlich durch die System-Code-Rasterfahndung der staatlichen Forstverwaltung gerutscht war. Sowas kam trotz Baumnummerierung wegen der durch die WILDMEN eingeschleusten Computerviren zwar immer wieder vor, aber ehe Panik ausbrechen konnte, hatte meistens ein mit Hubschraubern abgesetztes Kettensägen-Kommando (kahle Landeplätze gab es ja inzwischen reichlich) den Sektor bereits erreicht und die Plantage gesäubert, Dies war aber nun ein heißer Tip, und der ECHTPROFI hatte schnell eine Exkursion gestartet, nachdem er sich über sein POCKY-Funktelefon mit einem Baumsucher der WILDMEN verabredet hatte. Bei solchen Exkursionen kam es oft zu sehr rührenden Szenen: die Jungen versuchten ihre Arme um den Baum zu spannen, und die Mädchen brachen in Tränen aus. Manchmal war es auch umgekehrt.

Aber nun stand 4711 wegen dieses rückständigen NOTEC jede Menge Ärger bevor. Es würde diesmal nicht reichen, den Schülerrat zu aktivieren, wie seinerzeit gegen den ART-PROFI. Der war vielleicht ein OLO-Studienrätsel gewesen. Wollte der doch tatsächlich solche okkulten Experimente wie „Zeichnen mit der Bambusfeder" mit ihnen veranstalten. Dem hatten sie’s aber gezeigt. Nachdem etliche Schüler ihre sündhaft teuren FUN-Jacken mit schwarzer Tusche versaut hatten, war Schluß gewesen. Der neue, junge ART-Profi hatte erst einmal grafikfähige Rechner, hochauflösende Farbscanner und Voll-Farbplotter angeschafft, die verdammt nah am Laser waren. Damit ging eine EASY PRESENTATION ab, und die Visualisierung mit Movieclips und Videodigitizern war wirklich FUN. Natürlich in teppichbodenbelegten Räumen mit gepolsterten Armlehnsesseln. Der alte ART-PROFI sollte sich ja in die Südsee abgesetzt haben mit den Worten, die angeblich Flaubert 1872 (sic!) an Turgenjew gerichtet hatte: „Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben; aber ein Meer von Scheiße schlägt an seine Mauern." Ob die Fidschis überhaupt LAPTOPS hatten??? Wahrscheinlich aus Bambus, lachte 4711 in sich hinein. Aber da war der wütende EFFEX schon an seinem Terminal.
Warum mußte es nur immer wieder diese Störer geben, wie dieser 0815, dachte der EFFEX und rauschte an 4711 vorbei, denn er hatte gleich durchschaut, woher der SHURIKEN nur gekommen sein konnte. Der Deutsch-Profikurs war so schön gelaufen, mit kreativer Textverarbeitung unter Verwendung einer Oscar-Wilde-SOFTWORD-Diskette und einem ONOMATOPÖIEN-Programm nach Arno Schmidt. Und nun Kurzschluß; der Floppy war hin und die mühsam getippten Texte natürlich auch. Da bot man den Schülern AG’s über Produktphilosophie, ließ sie sich austoben in NINJUTSU-Kursen (sogar für A-F-Schüler), hatte auf Betreiben der Gewerkschaft für Prozeßsteuerung & Informationssysteme (GPI) dieses von einem dekonstruktivistischen Architekten entworfene Einheitsschulsystem-Zentrum gebaut, mit einer vollelektronischen Fantasiezone in der Pausenrelaxhalle ausgestattet, und trotzdem gab es immer wieder diese pubertären Ausfälle durch sogenannte „revolutionäre Asketen", denen alles „MASKY" war, wie sie immer behaupteten, und mit denen auch die Festplattenverwaltung nicht fertig wurde. Nicht einmal die Pausenkämpfe ließen sich trotz des KOMKO-Videosystems abstellen, mit dem man alle Ein-, Aus- und Laufgänge der Stufen A-F lückenlos überwachen konnte. Denn bevor so ein Bandenkampf ausbrach, spritzte einer der Fighter seine NEUFIT-Tubenration blitzschnell auf die stationäre Kamera. Bis dann im Tower der Zentralaufsicht die LCD-Anzeige den Bereich angab, und ein Beamter in den Fahrstuhl stieg, lag schon wieder ein Schüler in seinem Blut. Der Zugang für den Hörsaal der A-Stufe hatte sogar mit einem Tigerlaufsystem, wie man es manchmal noch in alten Zirkusvideos sah, überdacht und so vor den Angriffen der F-Aussteiger und anderer Versager geschützt werden müssen.
Warum nur immer wieder diese Rückschritte? Schließlich war es ja sogar gelungen, das UNDENKBARE zu lösen und die schriftlichen Lernzielkontrollen gleich zu Beginn eines Kurses von den Schülern tippen zu lassen, was dann hinterher erst richtig Zeit für die Inhalte gab. Die Prüflinge mußten nur im DIRECTORY der Kursdiskette die FILES durchchecken, das passende LABEL im DIRECTORY ihrer Stundenplandiskette in Laufwerk B für die unbenannte Kursdiskette finden und auf Laufwerk A kopieren, in dem jetzt dieser Wurfstern steckte. Dann konnte das Kursprogramm ablaufen, und der SUPERVISOR war zufrieden.
Wenn man bedachte, welche Mühe Schüler damals mit auf Papier zäh dahinkratzenden Füllern hatten, die man heutzutage nur noch in der Therapie verwandte (dann aber als multifunktionales PEN-System mit leicht in den Lauf gleitenden Tintenpatronen). Dagegen war doch ein TXT-System mit seinen Korrekturmöglichkeiten durch den CURSOR auf weich ansprechenden Tasten und mit Layout-Programmen ein wirklich humaner Fortschritt. Und die Pinwriter mit ihren Farboptionskits lieferten auf TELEDATA-Tabellierpapier jede gewünschte Menge Kopien.
Jede Menge geklonte Kopien.
Jede beliebige.
Jedem!
IIIIEEEÄÄK!" seufzte ein QUATRO-Printer und spuckte endlos …

(1991)

(Wär noch zu ergänzen, daß ich inzwischen einen Laptop aus Bambus besitze: ASUS Seri U Bamboo)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s