Körperlich & geistig abwesend

Abwesenheitsliste

Ich kann nich genau sagen, wann ich es aufgegeben hab mit der allgemeinen Pädagogik, aber ich erinnere mich an ein paar Schlüsselerlebnisse:

Während der Schneemonate war es beliebt, auf dem Pausenhof von den Rändern her Schneebälle in die Menge der Schüler zu werfen. Das blieb nicht ohne Augenverletzungen und Scherben, und da nicht nur die Schule sondern die ganze Gesellschaft in D von Versicherungen beherrscht wird, bekamen wir die Anweisung der Schulleitung, Schneeballwerfen zu verhindern. Davon abgesehn ist es dumm und feige.
Also konnte man mich als Aufsichtsführenden von einem Ende des Schulhofs zum anderen tigern sehen, und während ich die einen verwarnte, warfen die anderen hinter meinem Rücken erneut. Schließlich schossen sie sich sogar auf mich ein, und ich sah mich gezwungen, hinter den großen Glasscheiben der Pausenhalle Deckung zu suchen, wo ich das Geschehen nur noch optisch verfolgen konnte (auch die Scheiben wurden beworfen).
Als daraufhin der stellvertretende Schulleiter an mich herantrat, versuchte ich mich zu rechtfertigen, warum ich gegen das Schneeballwerfen nicht ankäme (Wo war der aufsichtsführende Lehrer? würde die Versicherung fragen. Geflüchtet?). Worauf der Kollege mich damit tröstete: „Herr Dobat, dagegen kann man nichts machen."
Wie bitte? Wir sollten etwas verhindern, gegen das man nichts machen kann? Natürlich kann man was dagegen tun. Selbst 1000 Schüler sind nicht anonym am Gymnasium, aber alle Lehrer müssen gemeinsam vorgehen. Stattdessen sind Kollegien in Philologenverband, Gewerkschaft und Anarchisten (meist Kunsterzieher) gespalten. An dem Gymnasium, an dem ich Referendar war, sogar in deutlich getrennte Sitzgruppen im Lehrerzimmer. Ganz groß engagierte man sich im gemeinsamen Organisieren des allgemein sozialen Zirkus, wie Weihnachtsfeiern, Schulfeste und der später als Fortbildung getarnten Betriebsausflüge, und die Klärung der Frage, was sich auf den Brötchen befinden würde, bedurfte wesentlich mehr Zeit als die Beantwortung pädagogischer Fragen. Ansonsten konnte man eher kollegiales Gegeneinander als Solidarität erfahren, z.B. wer wann welche Medien und Räume benutzen konnte.

Ein anderes Erlebnis war die Reaktion auf meinen empörten Bericht im Lehrerzimmer über das Verhalten eines Schülers, der u.a. Lichtschalter mit dem Fuß betätigte: „Wie schalten SIE denn das Licht an?" fragte daraufhin ein Kollege. Das sollte lustig sein. Der Mann war entspannt. Wenige Tage später konnte ich ihn beobachten, wie er sich mit sichtbar erhöhtem Blutdruck über das Verhalten eines seiner Schüler aufregte. Da war ich gerade entspannt. Es gab auch Kollegen, die sich als Anwalt ihrer Schüler verstanden und sich – ebenso wie viele Eltern – nicht vorstellen konnten, daß jene in anderen Fächern ein stark abweichendes Verhalten zeigten. Wenn diese Haltung noch ideologisch begründet war, konnte man Versuche gemeinsamer pädagogischer Aktion gleich aufgeben.

Von 45 Unterrichtsminuten gingen mindestens die ersten 5 durch zähes Eintrudeln der Oberstufenschüler verloren. Weitere 5 benötigte man, um in der Abwesenheitsliste zu markieren, wer unentschuldigt (Strich) oder entschuldigt (Kreuz) fehlte. 25% versäumte Stunden wurden die Regel – mit steigender Tendenz. Schulträger Landkreis drohte sogar mit Geldstrafen. Von Durchführung ist mir nichts bekannt, wohl aber Fälle, in denen schon längst abgegangene Schüler noch Punkte bekamen. Manche Lehrer machten einfach irgendwo ein paar Striche in die Liste. Als ich es ganz aufgab und alle mir vorgelegten Entschuldigungen unterschrieb, blieb das ohne Folgen.
Man kann der Ansicht sein, eine gut vorbereitete Stunde Kunst-Theorie in der Oberstufe sei an sich etwas Kostbares. Der engagierte Lehrer erarbeitet Texte, stellt Medien bereit, sieht die Stunde in einem Zusammenhang an dessen Ende Erkenntnisgewinn steht. Doch erscheint ein Teil der Schüler erst gar nicht, weil sie wirklich krank sind, ein größerer, weil sie keine Zeit haben. Sei es, weil sie im Supermarkt beschäftigt sind – nicht aus Not, sondern um mehr Spaß finanzieren zu können – oder weil sie von der letzten Party noch zu geschafft sind. Einige schlafen im für die Projektion abgedunkelten Unterrichtsraum. Ein weiterer Teil muß für das neue Musical proben (Fachgruppe Musik kannibalisiert Fachgruppe Kunst) oder eine ganz wichtige Klausur nachschreiben (Klausuren sind überhaupt das Wichtigste, noch vor Inhaltsvermittlung). Von den übrigen 10 Anwesenden sind vielleicht 3 vorbereitet und interessiert (das erfährt man erst 10 Jahre später), der Rest wartet auf das Klingelzeichen. Hat der Lehrer gerade den Höhepunkt der Stunde erreicht (für die Müden ist es der Tiefstpunkt), wobei er für das Timing immer wieder auf die Uhr sehen muß (solch Unsinn lernt man im Studienseminar), klingelt es zum 1.Mal (die Vorankündigung des Endzeichens), worauf die Schüler wie Pawlowsche Hunde reagieren und ihre Sachen einpacken. In diesem Moment erkennt man, daß man gerade sein Leben verschwendet.

Schule ist als Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Fehlentwicklungen überfordert. Mit Härte und Durchsetzungsvermögen kann man durchaus mehr Disziplin erreichen – aber nicht in einer pluralistischen Gesellschaft, in der auch Eltern ganz unterschiedliche Erwartungen an die Lehrer haben. Disziplinarverfahren wurden zu umfangreichen, nicht mehr funktionierenden Gerichtsverfahren aufgebauscht. Alles mußte juristisch wasserdicht sein. Am Ende stand Resignation vor der als immer unangreifbarer erscheinenden pubertierenden Persönlichkeit und ihres unangemessen steigenden Werts in der Gesamtgesellschaft. Die späteren Amokläufe zeichneten sich in den 90ern schon ab.

In der Schulchronik heißt es: „Die Pausenschallanlage funktioniert 1994 nicht mehr und kann überraschenderweise abgeschafft werden!" Tatsächlich bemerkten die meisten Lehrer gar nicht, ob ihre Schüler unpünktlich zum Unterricht erschienen, weil sie es selbst nicht schafften, ihre Kaffeetasse rechtzeitig zum Unterrichtsraum zu balancieren. Ich wurde mal vom Direktor ausdrücklich gelobt, daß ich immer so pünktlich zum Unterricht erschien, und in der Woche drauf getadelt, weil ich den Unterricht zu früh beendet hatte.

Ich glaube, mein Fehler war, daß ich diese neurotische Situation Schule, in der ein hoher Prozentsatz von Lehrern scheitert, zu ernst nahm. Das hatte seinen Grund auch darin, daß ich oft den Eindruck bekam, als auffällige Persönlichkeit einer stärkeren Beobachtung zu unterliegen als unauffällige Kollegen, die sich um viele Vorschriften einfach nicht kümmerten. Oder schlimmer noch – mich zu reglementieren versuchten und für sich eigene Gesetze machten.

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