Wie ich einmal meine Utopie verlor

Nie-wieder-taubstumm

Eines Morgens wachte ich auf – ich hatte gerade mal wieder von meinem Reisfeld am Äquator geträumt und auch von einer verschimmelten Taschenlampe – und stellte den Verlust meiner Utopie fest, die ich brauche, um nich im Honig des Alterns zu versinken und um mit dem alltäglichen Alptraum fertichwerden zu können.
Wo konnte sie nur hingeraten sein, meine Utopie? Hatte ich sie irgendwo unterwegs verloren oder nur verlegt? Alles Suchen half nich, und so wandte ich mich an den zuständigen Seelenberater, einen passionierten Missionar und notorischen Leserbriefschreiber, dessen literarische Methode folgendermaßen aussieht:
Eine Geschichte beginnt zum Bleistift damit, daß einer Oma einer ihrer Blumenpötte vom Fensterbrett fällt. So wie die Oma für den gefallenen Pott, sorgt auch Gott für uns, so daß wir schließlich umgetopft und wieder in der Reihe der Blumenpötte zu stehen kommen.
Oder so: Neulich stehe ich mit meinem Wagen bei Rot an der Ampel. Fordert nicht auch Gott von uns, von Zeit zu Zeit zu verweilen, um in uns zu kehren, unser Tun zu überdenken? Schließlich bekommen wir von IHM dann wieder Grün.
Mein zuständiger Seelenpfleger kennt auch den genauen Termin der Apokalypse, den er aus der Bibel hochrechnet. Ich glaube, so lange dauert das gar nich mehr, denn sind wir nich schon mitten drin? Und das seit x-tausend Jahren. Jedenfalls lebt es sich stellenweise ganz komfortabel mit dem Weltuntergang, und ob Dürer oder Harry Krishna, einer macht immer ein Geschäft daraus. Kurz: die Theorien meines zuständigen Seelenbeauftragten machen mich immer ganz depressiv, da die Beschränktheit menschlicher Erkenntnisfähigkeit gerade in diesem Mann so erschreckend deutlich wird. Nein, mit dem Psychoabfall längst verblichener Zivilisationen war es auch nichts.
Vielleicht sollte ich mich der Friedensbewegung anschließen, dachte ich. Da erscheint kraftvoll ein neuer Weg, oder waren nur die Turnschuhe neu? Hatte nich die Friedensbewegung den Krieg so erfolgreich bekämpft wie das Zölibat die Unzucht? Und waren nich Krieg und Seuchen die Lösung für das größere Problem der Überbevölkerung? Wobei epidemische Krankheiten wesentlich umweltverträglicher sind und deshalb dem Krieg als Mittel der Geburtenkontrolle vorzuziehen sind. Aba mach das mal den Kindern klar! Die würden mich gleich wieder als zynisch einstufen, dabei wollte ich doch nur – ja, was wollte ich eigentlich verändern? Jedenfalls wär es für die Friedensbewegung viel günstiger, wenn die Menschen überall auf der Welt nich nur in Ketten dicht an dicht stünden (inzwischen sogar online). Dann könnte man die Botschaft von John Lennon und Yoko Ono gleich ins nächste Ohr flüstern: „War is over!" und es wäre Frieden – allerdings ein etwas enger. Und wer weiß, was dabei am Ende herauskommt. Wie bei diesem Gesellschaftsspiel „Reise nach Jerusalem": „War? WHOW!" Nä, John, das war es nich, sogar deine Ehe wurde ein Flop, und tot biste auch – wie Gandhi und Martin Luther King usw..
Wo waren übahaupt die Ideologien verblieben, diese Exkremente des Geistes aus den 60ern? Love and peace! Befreiung von Autoritäten, Konventionen und geistiger Gesundheit. Ein ehemaliger Schulkamerad hatte zuviel LSD genommen. Ich traf ihn in der Irrenanstalt wieder. Er und sein Blick waren in eine unklare Ferne gerichtet, aus der er nich mehr zurückkam. Ein anderes Exempel hatte die Knarre genommen und Aufbruch mit Einbruch verwechselt. Deshalb saß er bis vor kurzem und träumte vom Ausbruch mit Hilfe eines palästinensischen Sonderkommandos. Hat dann doch länger gedauert als erhofft, aber der Mann hat eine Utopie, die gegen Klaustrophobie hilft. Warum bloß werden immer wieder Pädagogen verrückt, die ja frei rumlaufen dürfen. Was war aus der antiautoritären, emanzipatorischen Bewegung geworden? Etwa all diese unerträglich frechen Kinder, die sich alles andere als unaggressiv verhielten? Hatten sich übergeordnete Lernziele nich als völlig überflüssig erwiesen („Curriculum, Curriculum, das geht mir dumm im Kopf herum."), weil Schule unter allen sich ständig wechselnden Bedingungen funktionierte, weil sie einfach funktionieren muß, wenn sich 1000 Jugendliche um 7Uhr50 an einem Ort versammeln. Gestern versuchte man zu verhindern, daß Schüler sich mit politisch brisanten Themen auseinandersetzten, und heute sollten sie sich mit dem neusten Golfkrieg beschäftigen. Hatte sich nicht herausgestellt, daß Unterricht nicht von Lernzielen her strukturiert wird sondern: Findet er überhaupt regelmäßig statt? In welchem Raum und mit welchen zur Verfügung stehenden Medien? Ist das geklärt, findet sich auch ein passender Inhalt, mit dem man die Stunde füllen kann. Auch isses eine weit verbreitete irrige Ansicht, von Lehrern Perspektiven zu erwarten. Wozu gips schließlich Lehrpläne! Die Aufgabe des Lehrers besteht lediglich darin, diese umzusetzen.
Vielleicht liegt das Problem im Drang und Zwang zur Utopie. Dieses übergroße Mantelziel, so weit wie der Horizont, der nie erreicht wird. Da gab es z.B. die Idee des humanen Städtebaus, Kritik an der „Unwirtlichkeit unserer Städte", all diese guten Ideen. Und nun sieh dir mal deine Umgebung an, nach der totalen Verfügbarkeit aller Stile und Materialien. Nur ein einziges, alles zusammenfassendes Ziel ist Realität: Kaufen und verkaufen.
Nä, nä, wir brauchen keine Utopien mehr, nur noch Krisenmanagement: Wie veringert man die Menge der Hundescheiße? Welche „wilde", d.h. unbebaute Fläche läßt sich noch erschließen, denn die Leute müssen ja irgendwo wohnen, brauchen Auslauf und Beschäftigung in der Freizeit, damit sie sich nich gegenseitig umbringen.
Utopisch isses heutzutage, kein TV zu besitzen ohne zu arm zu sein, sich zu weigern, an der geistigen Umweltverschmutzung durch massenhafte Übertragung von Zeichen und Nachrichten teilzunehmen, sondern jene als öde, ewige Wiederholung zu entlarven.
Utopisch isses, sich grundsätzlich und permanent zu verweigern: Keine Unterschriften unter irgendwelche austauschbaren politischen Resolutionen. Derartige Aktivitäten als eine Art von Sucht und Flucht und Selbstbefriedigung zu erkennen, als Wiederkäuen von Überresten einstmalig lebendiger Ideen, als ein Versuch – aus der Illusion von Informiertheit heraus – alles zu regeln, dabei immer nur noch mehr Chaos erzeugend, anstatt von einem geerdeten Idealismus ausgehend, zu tun, was zu tun ist und zu erkennen, daß wir nicht nur mitten in der Apokalypse sondern auch mitten in der Utopie stecken, um uns und in uns, und das es jeden Tag passiert – sofern wir wach sind. Wir brauchen nur hinzuschauen und uns zu fragen: Was ist wichtig? Fatalerweise beantwortet jeder diese Frage anders.
Wozu brauche ich also noch Utopie, wenn ich Familie, 1 Haus, 1 Auto und 1 Motorrad besitze.
Doch blieb da eine gewisse Unruhe, die mich weitersuchen ließ, und schließlich fand ich meine Utopie zufälligerweise in einem alten Schuh wieder. Es handelt sich um ein japanisches Holzkästchen, quadratisch, mit unbehandelter Oberfläche. Der Deckel wird von einer violetten Kordel zugehalten. Darin befindet sich ein Spiegel, der nichts reflektiert. Da war ich doch froh, meine Utopie wiedergefunden zu haben.

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