Vermieterelend

Vermieter

Honoré Daumier (1856): „Machen Sie mir daraus 3 Zimmer mit Küche!"

Ich hatte ein 2-Familienhaus von meinem Vater geerbt. Was Schlimmeres kann einem kaum passieren, denn ich war plötzlich Vermieter. So ein großes Haus kostet nämlich was an Steuern und Reparaturen, und das Finanzamt fragt bei der Festsetzung des Mietwerts nicht, wieviel man wirklich einnimmt. Deshalb versucht man das mit den Mieten wieder reinzubekommen und zumindest nicht Minus zu machen. Pustekuchen! Die obere Wohnung, vorher von meinem Vater genutzt, war gut in Schuß. Ein junger Arzt zog mit Frau ein, der sich auch noch als Exschüler entpuppte. Eine angemessene Miete wurde festgelegt, alle waren glücklich.
Die untere Wohnung war sehr schön aber etwas heruntergekommen. Dort wohnte ein junges Paar mit Baby, das auch bei den „Grünen" engagiert war. Aus steuerlichen Gründen hatte mein Vater nur eine lächerliche symbolische Miete festgesetzt, dafür sollten ihm die Mieter im Garten helfen, was jedoch nicht vertraglich festgeschrieben war. Ich glaubte, einen neuen, langfristigen Vertrag machen zu müssen (falsch), und bat die Mieter, so eine Art Hausmeister-Funktion zu übernehmen, weil ich dafür zu weit weg wohnte. Dabei kündigte ich an, die Miete in den gesetzlich vorgeschriebenen Intervallen auf ein angemessenes Niveau zu bringen (was mindestens 10 Jahre gedauert hätte), um damit die nötigen Renovierungen finanzieren zu können. Wobei ich erwartete, daß sie mit den erheblichen ersparten Mietaufwendungen wenigstens einfache Reparaturen und Renovierungen finanzieren würden. Genauso hatte ich es als Moorpionier erfahren und als fair empfunden. Gleichzeitig versuchte ich das Ding loszuwerden, denn ich befand mich als Eigentümer in einer finanziellen Falle.
Diese Mieter waren aber nicht zufrieden, und gerade wenn ich überlegte, was denn wohl als nächstes zu reparieren wäre – könnte vielleicht das Zugseil des Speiseaufzugs reißen? – riß das Seil. Und dann klemmte das Fenster im Kinderzimmer, und das arme Baby drohte zu verschimmeln. In diesem Stil wurde mir zugesetzt, wobei man sich immer vorstellen muß, daß dieses anspruchsvolle Paar eine absurd geringe Miete zahlte und durch den neuen Vertrag langfristig gegen Kündigung geschützt war. Resultat meiner Unwissenheit in einer völlig neuen Situation, in der ich schnell handeln mußte.
Dann kam der Brief ihres Anwalts. Ein Jammer, daß ich den nicht aufbewahrt hab. Er war in solch unglaublichem Deutsch abgefaßt, daß zu vermuten war, ein eingewanderter Ukrainer habe ihn produziert. Nicht nur falsches Deutsch, sondern es hatten wohl auch Schwierigkeiten mit den Textbausteinen bestanden. Wenn das heutzutage typisch ist für den Zustand deutscher Anwaltskanzleien – es spricht einiges dafür, denn ich erlebte noch 2x ähnlich Abstruses mit anderen Rechtsanwälten – dann handelt es sich deutlich um Dekadenz. Mit dem Niveau wurde ich leicht fertig, argumentierte der Anwalt doch u.a., daß der alte Vertrag, den mein juristisch versierter Vater aufgesetzt hatte (ohne Erbprobleme zu berücksichtigen) zu Ungunsten der Mieter von mir geändert worden war. Na gut, konterte ich, dann laßt uns doch den alten wieder für gültig erklären (damit wären auch die alten, für mich günstigeren Fristen gültig geworden), zumal es keine gesetzliche Notwendigkeit gegeben hatte, einen neuen zu machen. Aber vor der Falle schreckten sie dann doch zurück.
So brach Krieg aus. Schreiben flogen hin und her. Allein die Beratung durch einen schlitzohrigen Anwalt kostete 111,99DM (keine 112!). Ich bewegte mich wie in einem meiner Bilder, mit schweren Koffern in jeder Hand, die mich mit ihrer Last hinabzogen. Ich kam nicht voran. Sie hinderten mich daran, mich zu bewegen. Folge einer törichten Anwandlung von Menschlichkeit, eines Moments der Ignoranz mit schwerwiegenden Konsequenzen. Das miese Spiel löste sich nur dadurch auf, daß es mir nach 1 Jahr schließlich gelang, das Haus zu verkaufen. Dabei versuchte das grüne Pärchen auch noch, aus ideologisch-egoistischer Sicht jegliche Makler-Aktivität zu behindern.

Ich habe in jener Zeit viel über das geradezu auf den Kopf gestellte Rechts- und Macht-Verhältnis zwischen Mieter und Vermieter gelernt. Nach der Korrektur meines Verständnisses von Psychatrie/Psychose und dem Scheitern antiautoritärer Erziehungsmodelle war die konkrete Erfahrung kapitalistischer Abläufe der 3. Bereich, in dem ich meine politischen Theorien nicht mit der Praxis in Übereinstimmung bringen konnte. Die Berichtigung meiner Anschauungen über soziale Mechanismen in Entwicklungsländern hatte ich noch vor mir.

Diktatur-des-Proletariats

Gerhard Seyfried: „Diktatur des Proletariats"

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