Die sichere Methode

Xenophon

Als Student war ich jemand, der darauf wartete, daß ihm gesagt wurde, was er tun solle und warum. Als das ausblieb, ging ich lieber unter der aufputschenden Wirkung einer Tablette AN-1 in Spielhöllen, um mit meinen Kommilitonen Tischfußball zu spielen, anstatt mir eine Vorlesung über Hegel anzuhören: „Die romantische Kunst nun war von Hause aus die tiefere Entzweiung der sich in sich befriedigenden Innerlichkeit, welche, da dem in sich seienden Geiste überhaupt das Objektive nicht volkommen entspricht, gebrochen oder gleichgültig gegen dasselbe blieb. Dieser Gegensatz hat sich im Verlauf der romantischen Kunst dahin entwickelt, daß wir bei dem alleinigen Interesse für die zufällige Äußerlichkeit oder für die gleich zufällige Subjektivität anlangen mußten. Wenn sich nun aber diese Befriedigung an der Äußerlichkeit wie an der subjektiven Darstellung dem Prinzip des Romantischen gemäß zu einem Vertiefen des Gemüts in den Gegenstand steigert und es dem Humor andererseits auch auf das Objekt und dessen Gestaltung innerhalb seines subjektiven Reflexes ankommt, so erhalten wir dadurch eine Verinnigung in dem Gegenstande, einen gleichsam objektiven Humor." Da ich auch nach dreimaligem Lesen oft nicht erkannte, wovon überhaupt die Rede war, und es mir andererseits niemand kurz und bündig erklärte, damit ich damit fortfahren könnte, meine Zeit sinnvoller zu verwenden, pflegte ich solche Veranstaltungen zu meiden.
Unangenehmerweise benötigte ich einen Schein, der die Teilnahme an einem Philosophie-Seminar dokumentierte. So mußte ich mich dreinfügen und weitgehend regelmäßig einem Manne lauschen, der in rätselhafter Weise deutsch sprach. Dabei stand er im Zwiegespräch mit einem vielleicht schwulen, zumindest aber äußerst geschmeidigen Studenten, der sich in der gleichen Weise ausdrückte. Anstatt nun den Gesängen dieser Außerirdischen zu lauschen, kritzelte ich meist sinnlos automatisch vor mich hin.
Leider muß irgendjemand der Ansicht gewesen sein, daß man Hegels Methode erst kritisieren könne, indem man lernt, wie sie strukturiert ist, und man überprüfbar beweisen müsse, daß man sie beherrscht. Und deshalb hatte ich nicht nur das Protokoll einer Seminarstunde zu schreiben, sondern auch eine mündliche Prüfung über Hegels Ästhetik-Lehre zu absolvieren.
Wie schreibt man 1 Protokoll über in fremder Diktion von Außerirdischen Vorgetragenes? Als ich erkannte, daß der Seminarleiter immer zuerst die Teilnehmer reden ließ und dann eine kurze Zusammenfassung von sich gab, schrieb ich seine endgültigen Sätze wörtlich mit, fügte sie zu einem Text zusammen, den ich erst verstand, als ich das Protokoll verlas – und erntete das große Lob des Leiters. Logisch, denn es waren alles seine eigenen Worte.
Schwieriger war die mündliche Prüfung, für die ich nicht nur die Struktur der Hegelschen Ästhetik sondern auch gleich die Kritik daran auswendig lernte. Obwohl mir dabei bewußt wurde, wie lächerlich begrenzt Hegels Denken gewesen ist („Wie z.B. die Chinesen, Inder, Ägypter bei ihren Kunstgestalten, Götterbildern und Götzen formlos oder von schlechter unwahrer Bestimmtheit der Form blieben und der wahren Schönheit sich nicht bemächtigen konnten, weil ihre mythologischen Vorstellungen, der Inhalt und Gedanke ihrer Kunstwerke, noch in sich unbestimmt, oder von schlechter Bestimmtheit, nicht aber der in sich selbst absolute Inhalt war."), gelang es mir, dieses Philosophie-Theater so geschickt zu reproduzieren, daß das Ergebnis der Prüfung ein „gut" war.

Seitdem weiß ich, daß das Naturschöne nur im Geiste des Betrachters existiert: „Das bunte farbenreiche Gefieder der Vögel glänzt auch ungesehen, ihr Gesang verklingt ungehört; die Fackeldistel, die nur eine Nacht blüht, verwelkt ohne bewundert zu werden in den Wildnissen der südlichen Wälder, und diese Wälder, Verschlingungen selber der schönsten und üppigsten Vegetationen, mit den wohlriechendsten, gewürzreichsten Düften, verderben und verfallen ebenso ungenossen." Hätte ich ahnen können, wie bedeutsam diese Worte noch für mich werden würden?

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