Ungesagtes (Juli 1993)

Tom-&-Aaltje

Liebe Mutter, lieber Erich!

Einen Wunsch habe ich doch noch: Könntet Ihr Euch wohl an meinem Geburtstag wie immer ganz mit dem diskreten Charme der Bougeoisie bekleiden! Es wird nämlich nur ein ganz gewöhnlicher Donnerstag sein, und in Indonesien nimmt man von Geburtstagen schon deshalb keine Kenntnis, weil man dort oft nicht genau weiß, wann er eigentlich war (Das ändert sich gerade hin zu aufgedonnerten Lärmfesten im KFC oder McDonalds.). In Gala kleidet man sich zu Beerdigungen und Hochzeiten oder besonderen Feiertagen öffentlichen Charakters. In Gegenden, wo man noch häufiger auf Sarongs trifft, sehen die aber eher funktional und vor allem kulturell verwurzelt aus. Im „Bonsai“ würde man zwar beste indonesische Verstellungskunst vorführen, aber Eure Show würde auf die Leute dort so wirken, wie ein Japaner in Lederhose im Hofbräuhaus auf uns. Also einfach lächerlich! Ich sehe auch nicht ein – wenn ich meinen Geburtstag schon in einem Lokal verbringen muß, das ich freiwillig nie betreten würde, weil es teuer und mittelmäßig ist, und ich weiß, wie indonesisches Essen wirklich schmeckt – daß ich dann noch dazu an einem Karnevalsumzug teilnehmen muß. Seinerzeit habe ich mal meinen Vater gerügt, weil er mit uns wie ein Bahnhofspenner gekleidet zum Essen ging, und dabei bin ich ja selbst in diesen Dingen wirklich nicht anspruchsvoll. Deshalb muß meine Mutter nicht gleich wie die Königin von Saba auftreten. Das wäre dann das andere Extrem (Kein Wunder, daß ich Extremist geworden bin.). Außerdem haben wir ja genug innere Werte, daß wir uns nicht mit allem behängen müssen, was schön ist. Denn das ist das Traurige an den indonesischen Kleidungsstücken: Man kann sie hier einfach nicht tragen (auch Aaltje nicht), ohne aufgedonnert zu wirken. Dieses bitte ich Euch zu erwägen und zu bedenken!

Am liebsten würde ich mich an meinem Geburtstag unauffällig in eine Ecke des Restaurants schleichen, dort mein Essen einnehmen und ebenso unauffällig wieder verschwinden. Was habe ich mit dieser lauten Karnevalsgruppe da hinten zu tun? Mit dieser dicken Kuh in ihrer Verkleidung.
Die Vernachlässigung der Form führt zur Klarheit der Gedanken. Oder führt Gedankenklarheit zur Formvernachlässigung, so wie Sodbrennen zur Schlaflosigkeit? Wabi ist das einfache, naturnahe Leben und Sabi die unprätentiöse, alte Form – die Schlichtheit.
Ich würde an meinem Geburtstag gern schlicht verschwinden, um Wabi auszuüben.
Wird es mir je gelingen, ein einfaches Leben zu führen?

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6 Gedanken zu „Ungesagtes (Juli 1993)

  1. Mit dem einfachen Leben wird es schwer werden – geboren in der Bougeoisie!
    Gefecht und Schlacht, Tod und Zerstörung, das konnte nicht alles sein. Irgendwo schleiften die zerrissenen Zügel dieses Wagens über die Erde, und so lange mußte man gehen, bis sie über einen hinwegfegten und man versuchen konnte, ein Stück zu ergreifen. Den Sinn mußte man zu finden suchen; nicht das Ganze, die Lösung, das Letzte, aber ein Stückchen Sinn, den Schimmer eines Planes, und dann wollte man in Gottes Namen noch einmal anfangen. Wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Das_einfache_Leben

  2. Das Buch steht bei mir im Regal, nützt Dir aber nichts im Moment. Ich kaufe es mir 1mal als ebook, wenn es das in dieser Form gibt & schicke es Dir dann zu. Es ist einfach zu gut, um darauf zu verzichten. Bis dahin, 2 Links die ich gefunden habe:

    http://www.ernst-wiechert.de/Internationale_Ernst_Wiechert_Gesellschaft/Zuspruch_Helmut_Neuwinger_Ernst_Wiecherts_Roman_Das_einfache_Leben.pdf

    http://ebookbrowse.com/ernst-wiechert-das-einfache-leben-titelseiten-pdf-d172330395

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