Merkwürdige Figuren aus Aalter

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Seit ich mich bewußt mit Kunst beschäftige, faszinieren mich Bilder, in die man hineingehen kann, die man decodieren muß, besonders die akribisch auf Holz gemalten Welten der altniederländischen Meister des 15. und 16.Jahrhunderts. Während meiner Nachforschungen über die kulturelle Situation unserer belgischen Partnergemeinde Aalter stellte ich fest, daß die von mir bewunderten Maler zum großen Teil in den damaligen Niederlanden tätig oder sogar flämisch waren: Jan van Eyck (1390 Maastricht – 1441 Brügge), Rogier van der Weyden (1400 Tournai – 1464 Brüssel), Hans Memling (1433 Seligenstadt – 1494 Brügge), Hieronymus Bosch (1453 Breda – 1516 Hertogenbosch) und Pieter Bruegel d.Ä. (1525 Breda – 1569 Brüssel).
Ein in der Literatur über altniederländische Malerei häufig zu findender Name ist der des Kunsthistorikers Georges Hulin de Loo (1862-1945 Gent), auf dessen Forschungen auch die 1902 in Brügge eröffnete Ausstellung „des Primitifs Flamands“ wesentlich beruhte. Auf diesen de Loo, u.a. Bürgermeister von Lotenhulle, stieß ich bei der Übersetzung einer 1979 entstandenen Informationsmappe der Partnergemeinde Aalter, an der auch mein flämisches Pendant Cyr Frimout mitgearbeitet hatte. Damit begann mein Einstieg in das Projekt „Unser europäischer Nachbar“ des Landschaftsverbandes Elbe-Weser.
Meine Idee war, merkwaardige figuren uit aalter aus der Mappe der Partnergemeinde im Stil der altflämischen Flügelaltäre (z.B. van Eycks „Genter Altar“) zu malen, also mit einem zentralen Teil mit einer Art „heiliger Familie“ und gegensätzlichen Flügeln, die Hölle und Paradies zeigen sollten, und damit in dialektischer Darstellung der positiven und negativen Beziehungen Deutschlands zu dieser Region dem Rotenburger Publikum vorzustellen. Zumal schon 1549 eine flämische Kirmes Phänomene eines Schützenfests in meinem Moordorf aufwies.

UMBRA MORTIS (Schatten des Todes)
Der linke Flügel zeigt den Kunstmaler Adhémar de Poorter (1905 Gent – 1943 Oostakker). Im 2.Weltkrieg war er Offizier bei der Luftabwehr; während der Besetzung durch deutsche Truppen gründete er in Aalter eine Abteilung der „Weissen Brigade“. Denunziert und verhaftet malte er noch in seiner Zelle B194 in St.-Gillis ein letztes Bild. 1943 wurde er als Widerstandskämpfer standrechtlich erschossen. Am Gemeindehaus Aalter befindet sich eine Gedenkplatte. Hinter de Poorter tanzt der deutsche Tod, in der Ferne ein Zitat aus Bruegels „Triumph des Todes“ (1562). Der Himmel ist entsprechend der Offenbarung des Johannes (6/12-14) gestaltet: „der große Tag seines Zorns“.

VIA SOLIS (Weg der Sonne)
Den Übergang zum Mittelteil besetzt die Büste des Priesters und Missionars Hendrik van Doorne (1841-1914 Poeke) [Aus heutiger Sicht hätte ich ihm zumindest noch eine rote Pappnase gemalt.]. Dessen eigenartige Kapelle im Garten seines Geburtshauses, mit blauer, sternenübersäter Apsis und ebensolcher, eine Madonna tragende Kugel, lieferte die Idee für die Komposition des Mittelstücks.
Vor der Figur van Doornes versucht ein anscheinend Verrückter mit der Konstruktion Europas zurecht zu kommen. Ein Zitat aus Bruegels „Die verkehrte Welt“ (1559), der in diesem Gemälde niederländische Sprichwörter darstellte („Man muß sich krümmen, wenn man durch die Welt kommen will.“).
Im Zentrum steht der Arzt Honoré van de Velde (1868 Bellem – 1955 Aalter) mit Verwandten. Er studierte u.a. in Berlin, war Schiffsarzt, bereiste verschiedene Erdteile, wurde 1927 amerikanischer Staatsbürger und kehrte 1948 nach Aalter zurück. Mit seiner Erforschung eines polyvalenten Antistreptokokkenserums gehörte er zu den berühmtesten Bakteriologen seiner Zeit.
Die Mutter der „heiligen Familie“ unterscheidet sich von flämischen Mariendarstellungen vor allem dadurch, daß sie Schwierigkeiten mit den Augen hat und anstelle des Jesuskinds die Fackel der amerikanischen Freiheitsstatue im Arm hält. Der Vater ist entsprechend der traditionellen Ikonographie ein mehr introvertierter Typ. Deshalb die Bruegelsche Imkerhaube und das Schwein des hl. Antonius Eremit (nach Memling) an seiner Seite. Der Bengel in der Mitte erinnert daran, daß Waterloo nicht weit ist.
Im Vordergrund rechts wird (nach einer flämischen Radierung aus dem 16.Jahrhundert) deutlich, wie gefährlich Frauen schon damals sein konnten. Das erklärt vielleicht, warum Kapitän Haddock und Tim (Figuren des belgischen Zeichners Hergé) auf dem Dampfer ebenso Junggesellen blieben wie de Loo zwischen seinen Büchern, Karteikarten, Fotos und Gemälden. Vorgestellt wird er im rechten Teil LUMEN (Licht).

Georges-Hulin-de-Loo

Auch er studierte u.a. in Berlin Jura, Philosophie, Literatur und wurde in Gent Professor für Philosophie, Sozial- u. Kunstgeschichte. Verschollene Teile von flämischen Altären wurden von ihm entdeckt.
Im Hintergrund rechts ist die Jungfrau in einer Festung aus Amethysten (die Keuschheit nach Memling) nicht zu erobern. Schon gar nicht, wenn man sich so daneben benimmt wie eins seiner Forschungsobjekte hinter de Loo. Den Erlösungs- und Paradies-Charakter des rechten Flügels veranschaulichen weitere Figuren aus Bildern von Bosch und van Eyck. De Loo wurde 1945 von einer Straßenbahn überfahren.

PICTURA EST SPECULUM MUNDI (Die Malerei ist Spiegel der Welt)
Im Flandern des 16.Jahrhunderts waren Bilder, die wie Literatur zur Unterhaltung und Belehrung gelesen werden wollten, allgemein üblich. Das „Arno-Schmidt-Vergnügen“ an Kunst hat also Tradition und verlangt einen Betrachter, der über die realistische Oberfläche hinaus zur intellektuellen Auseinandersetzung bereit ist. Die Maler jener Zeit, die schon im europäischen Zusammenhang lebten und arbeiteten, führten Aufträge der Städte, der Zünfte und des Klerus aus. Bruegel erhielt z.B. von der Brüsseler Stadtverwaltung den Auftrag, Darstellungen von Arbeiten an einem Kanal zu malen, und Memling soll dabei in Brügge sogar reich geworden sein. Ihre Werke waren auch damals schon in ihrer Tiefe nur Gebildeten verständlich. Realistisch erscheinen diese gemalten Fabeln nicht durch die Wirklichkeit der Gegenstände, sondern durch die sich darin ausdrückende Weltsicht.
Signiert ist das Bild mit dem Flaggenalphabet am Mast: D – O – B – A – T
Anno MCMXCIII (1993)

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Ein Gedanke zu „Merkwürdige Figuren aus Aalter

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